Die Schwelle

Nur noch wenige Minuten bis wir die Bühne betreten mussten, hektisch zogen sich die letzten Mädchen noch um, andere wischten aufgebracht ihren Schweiß weg, Kleenex und Tempos wurden zwischen Achseln und hautengen Bodys gelegt. An unseren Kostümen wurde wirklich nicht gespart, denn vom aufwendigen CanCan-Rock in den abgestuften Farben Frankreichs  bis hin zum grün samtigen Tangokleid war eine breite Auswahl getroffen worden um den Geschmack des Publikums zu entzücken. Und um die horrenden Mitgliedsgebühren zu rechtfertigen, dessen Aushängeschild wohl gerade die Kostüme darstellten sollten. Nur schade, dass gerade die Presse wohl niemals erfahren würde, dass die Cancan Röcke in den abgestuften Farben Frankreichs von uns Schülerinnen zusammen geflickt werden mussten. Oh ja, wir bekamen lediglich einige gebeutelte Stofffetzen überreicht, schwarz und eben in den Farben Frankreichs, und jede von uns 60 musste sich um ihren Rock kümmern. So übernahmen überladene Mütter aufwendige Nähaufgaben, andere wiederum arbeiteten hart um eine Näherin zu beauftragen. Aber heute würden wir nun alle im Lichte dieses Schweißes glänzen, auf der Bühne, auf den Brettern dieser Schule – in der Turnhalle. Ja, das war wirklich dumm gelaufen, die Aula konnten wir aufgrund des Brandschutzes leider nicht nutzen. Aber eine Bühne aus schwarzen, langen Tüchern und das Abkleben der riesigen Fensterfront der Halle trugen ja auch zu einem gewissen Flair bei. Und wir durften heute, nach all den Anstrengungen und Enttäuschungen, nun endlich strahlen, in der Dunkelheit der Bühne, dem schwarz-geklebten Hallenboden.

Die Letzten waren nun auch fertig und wie gerufen ging das hastige über-schminken los, unaufhörlich, bis in die letzten Mundwinkel und Lidfalten. Aufgepufft und aufgehusst ging es im leisen Ententanz hinter die Bühne. Einige atmeten laut ein, andere lauter aus. Und wie üblich ermahnte uns eine der Älteren, vor der Tür zur Bühne, mit einem gezischten Pssst, wir sollten leise sein. Tatsächlich blieben auch alle ruhig, jede war für sich, einige schauten schon böse wenn man sie nur mit dem Augenwinkel streifte. Keine wollte abgelenkt werden. Noch dröhnte die Musik des Vortanzes, aber bald würden wir dran sein. Wir standen schon alle gespannt und bereit hinter der Bühne, um dem Finale der Show nochmal richtig ein zu heizen. In unseren Corsagen und in unseren wallenden Röcken, mit all den Kapriolen und der wilden Beinarbeit, würde das großartig werden. Eigentlich hätten wir uns nochmal Glück wünschen können.. Aber nichts. Die Anderen standen straff wie eine Eins dar, Keine schaute zur Seite – alle starr nach vorne, Kopf hoch, Schultern hach hinten, Brust raus.. Wo war ich hier gelandet? Wo war die gute Stimmung hin? Das Licht wurde weniger, ich hatte den Fuß schon fast an der Schwelle. Bald ging es los und mein Herz pochte so laut in der großen Stille. Bald würde die Musik mit einem Schlag einsetzen, würde den Meinigen übertönen. Dann musste ich raus, vor die Menge, die so gaffte und was erwartete. Ja, die was erwartete? Wie gerne hätte ich das Spiel schon damals begriffen:  Was würde mich erwarten, wenn ich da raus ginge. Wer wäre ich, wenn ich Räder schlüge und kleine französische Flaggenpassagen freilegte? Wo schaute ich hin? Und wen würde ich angrinsen? Würde ich einfach doof in die Menge rein grinsen, ins Blaue  Schwarze?

Die anderen Tänzer verließen die Bühne, ein Gemurmel ging durch die Reihen, endlich: Sie waren wieder da. Das Publikum applaudierte noch eifrig, ich schüttelte mich ein letztes Mal. Fuhr mir einmal durch die Haare, über den Bh und den Rock in der Kontrolle, das wichtigste am Leib zu tragen.

Kopf nach oben, Schultern zusammen, Rock seitlich in den Händen und strahlen!