Ein schwammiger Tag

Es gab da mal einen grünen Schwamm, der wurde nach viel zu langer Wartezeit im Supermarktregal von einem jungen Pärchen mit nach Hause genommen. Seine zwei Freunde, mit denen er seit Verlassen der Fabrik eine Verpackung geteilt hatte, freuten sich riesig auf ein neues zu Hause und darauf, endlich dem Karton zu entkommen: „Mal wieder die Arme so richtig ausstrecken, das fände ich toll!“, sagte der Erste und der Zweite übernahm das Wort, indem er sagte: „und sich die Ecken und Kanten mal wieder zu kratzen, das fände ich total toll!“, und der kleine Schwann mischte sich auch in das Gespräch ein und sagte: „Au ja, mal wieder auf der weichen Bauchlage liegen statt immer im Stehen auszuharren, darauf freue ich mich ja am meisten!“. Nun war das Schweigen mehr als nur gebrochen und die drei Schwämme redeten alle durcheinander und malten sich ihr neues zu Hause aus, zwischendurch überlegten sie auch, dass sie vielleicht noch auf den einen oder anderen Bekannten treffen könnten, hiermit war ihre Vorfreude nicht mehr zu brechen und sie quatschten wild durcheinander bis die Einkauftüte abgesetzt wurde – gespanntes Schweigen.

Das erste was sie sahen, war ein helldurchfluteter, weißer Raum mit einigen braunen Elementen. „Die Küche!“, schrie der erste und der zweite hinterher: „Schwammgott sei Dank! Unsere Gebete wurden erhört – wir kommen nicht ins Klo!“. Allgemeine Begeisterung breitete sich aus und der Dritte stimmte ein: „Hoffentlich trinken die Zwei Sojamilch, dann will ich immer die Gläser übernehmen! Und hoffentlich mögen sie rotes Fleisch, ui, nur wenn ich an das Bratenfett denke läuft mir der Schaum im Munde zusammen! Meint ihr.. ja, meint ihr, die mögen sowas?“. „Ach Kleiner“, sagte der Zweite, „du hast in der Fabrik zu viel den Gesprächen von Peter gelauscht, woher willst du überhaupt wissen, ob Bratenfett etwas für dich ist?“. „Na, aus Erzählungen! Peter sagte ja: « Ein Schwamm müsste man sein, den ganzen Tag leckeres Bratenfett ablecken, na das ist doch mal ein Leben! » und seitdem ich das gehört habe, finde unser Leben gar nicht mehr erbärmlich. Nee, seitdem freue ich mir nur noch auf meinen ersten Einsatz, auf mein erstes Zusammentreffen mit dem Bratfett! Ich werde der beste Schwamm sein, den diese Familie je gesehen hat!“, tönte er laut.

Sein Einsatz kam schneller, als er schauen konnte. Erst wurden die anderen Einkäufe weg gepackt, dann die Reinigungsutensilien, gut sortiert kamen die Schwämme unter die Spüle neben den Fettlösern und dem Spülmittel. Schnell machten sie die Bekanntschaft mit den stählernden Topf-reinigern, doch bevor es richtig zum Kennenlernen kam, wurde der dritte Schwamm geschnappt und der Wasserhahn wurde aufgedreht. Mit einem „Jippieh!“ verließ der Schwamm die unterirdischen Gefilde unter der Spüle und wärmte sich schon mal für seinen ersten Einsatz auf: „links, zwo, drei, vier.. links, zwo, drei, vier!“. Aus der Vogelperspektive vernahm er bereits eine braune, dicke Suppe.. „Das könnten Pilze sein..“, dachte er leise in sich hinein, „Pilze und vielleicht.. Bratensoße!? Sieht so Bratensoße aus?“. Da er der beste Schwamm sein wollte, wie vorher groß angekündigt, öffnete er daher seine Poren um wirklich alles, aber wirklich alles, entfernen zu können. Kurz unters Wasser gehalten merkte er, wie er schwerer wurde, und ohne sich auf diese Veränderung einstellen zu können machte er auch schon die Bekanntschaft mit dem Spüli, blau und gutriechend, wurde er damit eingeseift, sodass er Bläschen spuckte. Auch darauf konnte er sich kaum vorbereiten, wieder öffnete er seine Poren denn nun ging es geradewegs auf den Topf zu: „Ich bin ein kleiner, grüner, Superschwamm.. Ich bin ein kleiner, grüner, Superschwamm.. Ich bin ein klei…!“, schon war er mitten in der Suppe gelandet und wischte sich von Pilz zu Pilz, von Soße zu Soße.. Aber irgendwie war alles anders als in seiner Theorie: Die Suppe war viel dicker als erwartet, und diese Fäden die sie zog wickelten sich um ihn als sei er in Gefangenschaft genommen worden. Durch das wischen zeigte sich nun eine zweite Lage unter den Pilzen, „Ganz schön weiß für eine Bratensoße..“, dachte er sich während er wischte und weiter die Poren öffnete um allen Schmutz in sich aufzunehmen. An dieser Stelle vernahm er einen lauten Schrei, die Dame des Hauses hatte wohl etwas entdeckt, dass ihr so gar nicht gefiel.. Sie ließ ihn abrupt aus der Hand fallen und bekam Tränen in den Augen. „Ha!“, dachte sich unser kleiner, grüner Held, „Sie ist bestimmt gerührt weil ich direkt an meinem ersten Arbeitstag so eine tolle Arbeit mache! Ja, ich war schon ziemlich günstig, dafür, dass ich so vieles kann. Was freue ich mich, meinen Freunden davon zu erzählen! Die werden staunen!“.
Ehe er diesen Gedanken zu Ende führen konnte, kam er unter heißes Wasser und plötzlich hatte er das Gefühl, als würde er nun selber geschrubbt werden. Er ließ diese Prozedur über sich ergehen mit dem festen Vorhaben, seine Freunde und auch die bekannten Topfreiniger später zu fragen, was es damit wohl auf sich hatte.

Nach einer gefühlten halben Ewigkeit wurde die Tür zum Spülensouterrain geöffnet und der kleine Schwamm, der wohltuend nach Spüli roch, kam in die Nähe der anderen Schwämme aber eben nicht direkt zu ihnen. Aus einer kleinen Schublade heraus fragte er die anderen: „Hey, Freunde, ich hatte gerade meinen ersten Einsatz, total toll da draußen, müsst ihr auch mal versuchen! Obwohl es doch anders war als gedacht, hey, Nummer 1, du hattest Recht, diese Bratensoße ist ziemlich komisch und gar nicht so toll, wie sie sich bei Peter anhörte..“, da verzogen die alteingesessenen Topfreiniger die stählernen Mundwinkel und sagten: „Wie, welche Bratensoße denn? Das hätten wir doch mitbekommen wenn da..“, Stille. Ganz besorgt tauschten die Topfreiniger nun einige Blicke miteinander und kamen schweigend zu dem Schluss, die neuen Schwämme über diverse Begebenheiten zu unterrichten: „Nummer 3, so heißt du doch.. Also pass auf, du musst jetzt ganz tapfer sein! Den Einsatz, den du gerade oben hattest, das war wohl kein normaler. Denn Bratensoße gab es in diesem Haus bestimmt seit einer Woche nicht.. Wir denken daher, dass du nun infiziert bist, weswegen du nicht zu uns in Körbchen gesteckt, sondern oben in die Schublade kamst. Du..“, da unterbrach ihn der Schwamm und stieß empor: „Wie? Infiziert? Womit? Was heißt das jetzt?“. Da antwortete der Schwammälteste: „Wir denken, du wurdest ausversehen zum Schimmelreinigen eingesetzt und wenn du nicht die Poren ganz fest verschlossen hast, dann wirst du wohl Schimmelsporen abbekommen haben. Hast du..?“, fragte er ihn mit großen, besorgten Augen. „Nein, das habe ich nicht.. Ich wollte doch an meinem ersten Tag glänzen..“.

Die Tage des Schwammes waren von nun an gezählt. Schlimmer, als dieses Todesurteil empfand er aber die Ablehnung seiner Freunde, die von nun an nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten aus Angst, sich infizieren zu können. So führte der kleine, grüne Schwamm seine letzten Tage alleine in der Schublade mit seinen Gedanken und mit der Frage, was er nächstes Mal wohl besser machen könnte.

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Die Muse

Ich gab ihr einst den Namen Alma. „Der sollte passen“, dachte ich. „Schließlich nährt sie mich mit Ideen und Träumen, welcher Name sollte es da schon besser treffen wenn nicht dieser!“.

So kam es, dass ich mir eine Weggefährtin zulegte, die nun, befreit aus ihrer eingestaubten Welt der Mythologie, neben mir her lebte und irgendwie auch agierte.

Indem ich ihr Attribute wie einen Namen und einen festen Wohnsitz zuteil kommen ließ, erweckte ich sie zum Leben. Anders kann ich es mir nicht erklären. Denn ich rede mit ihr und ich lache mit ihr und in meinen Träumen tanze ich mit ihr.

Manchmal, wenn sie unangemeldet auf weite Reisen geht, fehlt sie mir. Letztes Mal, als es soweit war, dachte ich, dass sie sich nicht nur meinen Koffer geliehen, sondern auch meine Motivation heimlich eingepackt hat. Da war ich kurzzeitig nicht gut auf sie zu sprechen und als ob sie es gewusst hat, meldete sie sich nicht. Oft, wenn eben diese Situation eintrifft, klingelt dann tagelang nicht das Telefon und meine Wut macht dem Kopfzerbrechen Platz, es könnte ihr etwas zugestoßen sein. Wenn sie dann wieder auf der Matte steht und mich morgens sanft weckt, bin ich dann so glücklich, dass sie wieder da ist und dass ihr nichts passiert ist, dass ich ganz vergesse, wie wütend ich auf sie war. Und so gehen wir dann zurück in den Alltag. So, als ob nichts gewesen wäre. So, als ob sie mich nie verlassen hätte. So, als wäre sie immer an meiner Seite gewesen.

Seit gestern ist sie wieder fort. Aber diesmal bin ich nicht wütend, nein, ich mache mir auch keine großen Sorgen ihr könnte etwas zugestoßen sein oder, der schlimmste Fall, dass sie nicht mehr zurückkommt. Diesmal ist sie weg weil ich meine Ruhe brauche und sie das verstanden hat. So ist es eben mit Alma: Ich kann nicht ohne sie, das weiß sie, doch sie merkt auch ohne Worte, was ich brauche. So ist sie nun fort – doch ich weiß, dass sie wieder kommt, sobald ich es zulasse.

Und dann..

..überrascht man sich doch!

Wer kennt diese Momente nicht: Man fühlt sich leer, hat weder Sorgen noch Freuden, lebt irgendwie in einer Grauzone der Gefühle. „Was kann ich denn besonders gut?“, „Was zeichnet mich besonders aus?“, „Worin liegen meine Stärken?“. Und man kann und will keine konkrete Antwort finden. Man dümpelt geistig und körperlich vor sich hin. Man vegetiert wie ein Abklatsch seiner Selbst. Man ist gelangweilt.

Und wenn man am wenigsten damit rechnet, nein, wenn man sich der Grauzone schon angepasst hat, wenn man schwerfällig akzeptiert hat, keine Antworten finden zu können, oder die einzige Antwort auf alle Fragen aus einem dumpfen „Nichts“ besteht, dann, ja dann überrascht man sich doch: Indem man auf etwas stößt, was man vor langer Zeit selbst erschaffen hat und sich fragt:

„Wie konnte ich nur etwas so Schönes aus mir heraus kreieren..“.