Sonntagsgeflüster und Mädchenrosa

Ich betrat um kurz nach zwölf das Café und ging hindurch zur großen Außenterrasse im Innenhof. Stef saß bereits mit ihrer Longchamp Tasche auf dem Schoß an dem kleinen Tisch neben dem Rosenbogen, „sehr romantisch, dieser Brunch mit der besten Freundin“, hörte ich mich denken.

„Wartest du schon lange?“, ging ich auf sie zu, „Ich bin keine ganze Minute zu spät.“.
„Nee Mäuschen, stess` dir mal nicht so den Kopf voll um diese Uhrzeit. Bin just gekommen, so vor zwei Minuten vielleicht. Setz` dich mal hin, ich hab schon Milchkaffee für uns bestellt und frisch gepressten O-Saft, du, wir lassen es uns heute gut gehen, ja!?“.
„Klar, wir lassen es uns doch immer gut gehen! Was ist denn am Wochenende passiert? Irgendwas Neues von der Familienfront? Oder von der anderen Front?“.
„Nee, weder noch. Also Stefan soll neulich erst geschrieben haben, an der Front geht es wohl voran. Naja, ich hab`s selbst noch nicht gelesen, Oma erzählte mir davon. Naja, die Sandra tut mir halt so leid, grad ein Jahr verheiratet und naja, wer hätte schon mit so was rechnen können. Plötzlich wird der Stefan hier weg geschickt, naja, bald soll der ja mal für eine Woche wieder nach Hause kommen. Aber Themenwechsel, was gab es denn bei dir am Wochenende?“.

Ich war noch schwer in Gedanken an der Front und dachte über diese Umstände nach, schrecklich, da fiel es mir nicht leicht, meinen Kopf leer zu schütteln und auf diese vergleichbar sehr banale Frage zu antworten. Doch ich wusste, dass es Stef auch weh tat darüber zu reden, allein, weil sie zu jenen Menschen gehören, die in ein unsagbares Loch fallen wenn sie Probleme und Leid erkennen und doch nichts dagegen tun können. Also antwortete ich ihr mit Verspätung:

„Nichts Besonderes. Hm, nein, wirklich nichts worüber es sich zu reden lohnt.“
„Ach komm, du, mach es nicht spannend! Laurie rief mich gestern Abend noch an und meinte, dich am Vormittag etwas zerzaust getroffen zu haben. Sie war sich nicht sicher, spekulierte aber unbeschwert über eine neue Romanze. Komm, mach es doch nicht so spannend!“
„Diese Tratschtante! Das ist unfassbar!“

Ich wusste, dass ich mich übertrieben aufregte, doch das gehörte alles zur Strategie. Sollte ich nämlich erneut mit einer solchen Tratscherei konfrontiert werden, und sollte es das nächste Mal vielleicht sogar stimmen, so ist die Tatsache, dass ich mich übertrieben aufrege recht unspektakulär. Manchmal muss man aber auch einfach darauf achten, was diese Weiber hinter einen nicht so alles aushecken..

„Ich war krank! Daher die Zerzaustheit!“, und betonte letzteres mit Finger-Gänsefüßchen. „Ich lag vier Tage lang fast durchgehend im Bett und als L mich gestern traf kam ich gerade von der Apotheke, meine Schmerzmittel waren ausgegangen und ich bin mürrisch losgezogen.“
„Ach du Arme, das tut mir leid! Was schlimmes?“, fragte sie liebevoll nach, bevor sie nach meinem halb unausgesprochenen „Nein..“ weiter fragte:
„Aber L war sich da gar nicht mal so unsicher.. Meinte, du hättest richtig gestrahlt, und du sagst mir jetzt, du wärst da krank gewesen. Naja, hab selten `ne strahlende Kranke erlebt, außer.. Süße! Du wirst wohl nicht..!“
Erst verstand ich nicht so richtig, aber dann:
„Ich glaub` ich spinn`! Sag mal, bist du irre? Ich hab noch nicht einmal gefrühstückt, da attackierst du schon meinen Magen. Also bitte, ich hatte lediglich eine Halsentzündung und eine Verspannung, nichts schlimmes. Am Donnerstag war ich beim Arzt, hab Antibiotika verschrieben bekommen und das Ibu hab ich dann noch so genommen weil die Schmerzen schon arg waren.“

Ich ratterte meine Entschuldigung runter als sei sie Eine und erinnerte mich dabei unfreiwillig an längst vergangene Jugendtage in denen ich für meine Mutter solche Rechtfertigungen im zwei Minuten Takt abspulen musste.

„Gestern konnte ich mich dann gerade noch so in meine Jeans zwängen und zur Apotheke schleichen um schnell die nächste Dröhnung zu bekommen“, ich musste lachen, doch die Mundwinkel verzogen sich ganz von alleine als ich wieder an die Ohrschmerzen zurück denken musste, „die ich ja dann auch bekommen habe zum Glück, danach war erst einmal schlummern angesagt, traumhaft!“
„ Ach so, na dann. Dann rufen wir gleich mal besser Laurie an und sagen Bescheid, dass sie ja noch keine Einladungen zur Verlobung raus schicken soll“, und zwinkerte mir mit einem überdimensionalen Lächeln zu. „Naja, kann ja mal passieren, ne Mäuschen? Dass man da was hinein interpretiert. Ha! Dabei warst du nur kurz Medis besorgen gegangen und wir denken schon, du hast den Mann fürs Leben getroffen! Nee, wie ulkig“.
„Ja“, erwiderte ich leicht schüchtern, „Kann ja mal passieren..“
„Kann ja mal passieren? Och Mäuschen, was glaubst du denn, mit wem du hier redest?“

Da saß sie also, meine beste Freundin, die gerade die Verwandlung zu meiner Mutter perfektionierte. Wenigstens wusste ich mit Gewissheit, dass sie mich nicht anschreien würde. Ich der Öffentlichkeit macht sie das nur ab einer gewissen Uhrzeit und ab einer gewissen Dunkelheit, am besten noch nach gewissen Drinks aber nicht hier im Café in der Mitte unseres Lebens-, Dreh- und Angelpunktes. Nein, das würde sie sich nicht wagen, also konnte ich getrost weiter zuhören.
„..du quatschst hier was von krank sein, und das glaube ich dir auch, und davon wie du in der Apotheke warst um neue Medis zu kaufen, was ich dir ja auch glaube, aber jetzt kommt es: Wer hat dich denn in der Apotheke bedient? Na? Wer?“, und dabei grinste sie breit über ihr Gesicht und schaute mich mit großen, fragenden Augen an, die doch nur auf eine Bestätigung warteten.
„Der.. Apotheker!?“, antwortete ich leicht verunsichert. Da sitze ich sonntags morgens im Café mit meiner Besten und muss mich doch fühlen, wie kurz vor einer mündlichen Prüfung.
„DER Apotheker? Mensch Mäuschen, jetzt lass dir noch nicht jede Kleinigkeit aus der Nase ziehen!“

Zu meinem Glück näherte sich die Bedienung mit unseren Getränken. Das finde ich jedes Mal aufs Neue erstaunlich wenn ich mit Stef und/oder Laurie unterwegs bin, es werden immer gleich tausend Getränke bestellt.

„Ein Latte Macchiato für Sie, ein Milchkaffee für Sie. So, ihr frisch gepresster Orangensaft kommt gleich, beim Wasser hatte ich vergessen zu fragen, welches Sie gerne hätten. Liebe stilles oder..“
„Wir nehmen eine große Flasche Acqua Panna mit zwei Gläsern, bitte.“, entgegnete ich ihr und hoffte, noch einen Grund zu finden, der sie dazu veranlasste, länger an unserem Tisch sitzen zu bleiben:
„Sagen Sie, wissen Sie zufällig, ob der Chef heute noch rein schaut?“, fragte ich sie spontan.
„Hm, Greg müsste später am Nachmittag mal kurz rein kommen, aber das ist nicht sicher. Ich meine verstanden zu haben, dass er sich heute noch mit dem Besitzer der Wunderbar treffen wollte. Kann ich ihm was ausrichten?“.
„Ähm, nein, danke.. Aber, sagen Sie mal, wieso trifft sich Greg denn mit dem Inhaber der Wunderbar? Der will doch nicht etwa verkaufen?“
„Doch, ich meine schon. Wenn Sie hier aus der Umgebung sind werden Sie wissen, wie begeht diese Café`s hier auf der Meile sind. Eigentlich findet kaum ein Besitzerwechsel statt, Sie können sich also vorstellen, wie interessiert Greg ist. Nun gut, ich schau mal, was der O-Saft macht.“

Stef schubste mich grob mit ihrem spitzen Ellenbogen an: „Lenk nicht vom Thema ab! Erzähl mir vom Apotheker! Oder soll ich Laurie dazu holen?“
„Nein, nein, ich erzähle ja schon.. Aber du, erinnerst du dich noch an diesen komischen Mark von dem ich dir neulich erzählte?“
„Wieso? Hat der sich jetzt etwa als neuer Apotheker entpuppt?“
„Nein“, lachte ich laut bei diesem Gedanken, Herr Mark könnte Apotheker sein. Niemals. „Aber ich hatte mich doch gefragt, was der mit dem Geschäftsführer der Wunderbar zu bequatschen hatte und naja, vielleicht ist er ja Gastronom und will sich hier in unsere Meile einkaufen..“
„Würde das denn etwas ändern? So schnell wie du von diesem Rendezvous geflohen bist würde ich jetzt meinen, du rufst Greg an und bittest ihn, auf jeden Fall den Laden zu übernehmen damit sich dieser Schmierling hier nicht einnistet!“
„Rendezvous? Hab ich da was verpasst? Du und Laurie seht neuerdings doch hinter jedem flüchtigen Treffen und jedem lapidaren Apothekenbesuch direkt die große Liebe und den richtigen Mann. Also wirklich.. Und ich dachte, das würde ein erholsamer Sonntagmorgen werden..“
„Sonntagmorgen um halb 1, da erwartest du wirklich zu viel von mir, der Zeitrechnung und dem Rest der Welt“, und lachte dabei ihr zauberhaftestes, mädchenhaftes Lachen, als hätte sie gerade das Rad neu erfunden und würde sich nun über ihre neu entdeckten Fähigkeiten freuen.
„Ok, um es kurz zu machen: Der Apotheker ist nach wie vor ein Leckerchen, das ist nicht von der Hand zu weisen. Aber ehrlich, ich war neulich zu ungeschminkt und mein Schädel war zu dick um irgendeinen Flirtversuch auch nur zu wagen. Also nein, da war nichts. Außer diesem einen Blick, aber das fällt mir erst jetzt ein, da wir darüber reden..“
„Siehst du! Und darum ist es so wichtig, sich mitzuteilen! Wie war denn der Blick?“
„Naja, er schaute so auf die Packung Ibuprofen runter und hob dann nur die Augen zu mir hoch und fragte mich, ob er mir nochmal aufschreiben soll wie oft ich welche nehmen darf..“
„Und? Hat er? Was hast du gesagt?“
„Mensch Stef, da war nichts! Ich musste lachen und meinte, dass ich bestimmt noch selbstständig in der Lage wäre, mir zu Hause den Beipackzettel durchzulesen.“
„Du und deine grobe Art! So lernst du doch nie jemanden kennen!“
„Was? Grob? Wieso das denn jetzt? Sieh es als Anmerkung dafür, dass ich lesen kann, das sollte einen Mann doch imponieren..!“
„Nein, so geht das nicht. Du hast das Signal nicht gesehen, das war aber klar, du bist blind für sowas. Was, wenn er dir seine Nummer aufgeschrieben hätte? Was, wenn er ein Treffpunkt darauf notieren wollte? Oder eine kleine Nachricht? Sowas wie: Du süße, kranke Maus gehst mir einfach nicht mehr aus dem Kopf.. Ich bin schon voll auf Aspirin, weil du nachts durch meinen Kopf gehst? Oder: Darf ich dich mal mit Antibiotika füttern?“
„Haha, Stef! Du hast den schönsten Schaden der Welt!“, dabei knallte ich ihr einen Amarettokeks gegen den Kopf, „Du hast vielleicht romantische Vorstellungen! Ich sag`s dir, da ist nichts, zumindest nicht von seiner Seite. Glaubst du wirklich, dass er scharf darauf ist, dass ich chronische Leiden habe und in meinem Alter schon eine Apotheken-Flatrate habe? Ich denke eher, dass der Job gut ist, um kranke von gesunden Mäusen auszufiltern. Wieso sollte er sich bitte in jemanden verknallen, der Dauerkrank ist? Nee, wirklich nicht.“, und dabei seufzte ich etwas zu offensichtlich enttäuscht. Der Apotheker hatte es mir nämlich wirklich angetan, obwohl er so gar nicht meinem Typen entsprach.

Königsblau

Heute möchte ich unbedingt eine Collage machen, dafür habe ich schon die passende Pappe gekauft, in einem schönen königsblau: Erhaben, schick, edel. Es ist für ein Blog-Projekt, das passenderweise den schönen Titel „Der perfekte Mann“ trägt. Ich bin gespannt. Gerade aufgrund des Themas entschied ich mich für das königsblau, alles andere wäre mir zu knabenhaft gewesen.

Ich war gestern tatsächlich noch aus. Erst sollte es nur ein kleiner Spaziergang werden, dachte ich. Dann schlenderte ich aber auf dem Rückweg an die Cafémeile vorbei und mein Blick verharrte auf einen kuscheligen Stoffsessel der draußen unter der Markise und doch mitten auf dem Gehweg aufgestellt war. Da ich eh ein Buch dabei hatte, wie so oft wenn ich das Haus verlasse, endschied ich mich kurzerhand dort Platz zu nehmen. Ich bestellte einen großen Pott Kakao mit Sahne, nicht mit Wasser, mit Milch.

Der Kakao kühlte recht schnell auf die Außentemperatur herunter, gefühlte 10°C, und ich schien unglaublich tief in meinen Schnulzenroman eingetaucht zu sein, denn sehr spät erst bemerkte ich den jungen Mann im Sessel an meiner linken. Ich blickte nur kurz auf, um mir eine Zigarette anzuzünden – was auch erklärt, wieso ich bei gefühlten 10°C überhaupt draußen sitzen wollte – da kreuzten sich auch schon unsere Blicke. Ich schielte Prompt auf seine Hände, was machte er nur alleine in einem Café? Ihn schien die gleiche Frage zu beschäftigen, denn er legte seinen Kopf zur Seite und versuchte den Titel meines Buches ausfindig zu machen. Schnell klappte ich es zu und legte es auf den Bauch, mit dem Cover nach unten, mir war es sichtlich unangenehm dass ich als Literaturstudentin einen solchen Schmöker in die Öffentlichkeit brachte und diesen auch noch öffentlich las. „Hätte ich mal lieber Kafka`s Kurzgeschichten eingepackt!“, dachte ich leise in mich hinein. Er hingegen las die Wirtschaftswoche, toll, das ist doch mal ein Statement.

„Was lesen Sie denn da?“, fragte er und riss mich damit gedanklich aus meinem Buchfundus, den ich im Kopf immer noch durchging auf der Suche nach einer möglichst eindrucksvollen Lektüre.
„Ach, nichts Besonderes. Etwas Seichtes um den Kopf zu entlasten.“, antwortete ich und bemerkte auf Anhieb, dass meine Worte eine gute Entschuldigung waren. „Und Sie lesen die Wirtschaftswoche, wie ich sehen kann. Aus beruflichen Gründen?“, fragte ich schnell zurück.
„Naja, nicht so wirklich. Ebenfalls etwas Seichtes, um den Kopf frei zu bekommen..“, lächelte er und zwinkerte mir dabei zu. Ah, der feine Herr denkt wohl, er sei besonders witzig. „Na dann, viel Erfolg noch bei Ihrem Vorhaben!“, gab ich entnervt zurück und griff mit meinen Fingern hastig nach meiner seichten Lektüre. Ich versuchte mich wieder ganz in die Geschichte zu vertiefen, aber es wollte einfach nicht gelingen. Irgendwie spürte ich seine Blicke auf mir, sehr wahrscheinlich nur bloße Einbildung, aber nun war ich abgelenkt. Selbst für eine so leichte Lektüre brauchte ich mehr Ruhe, Entspannung, einen freien Kopf eben. So konnte ich unmöglich lesen. Ich war bei einem langen Satz hängen geblieben, las ihn wieder und wieder und wollte ihn doch nicht so recht verstehen. Die Titelheldin war gerade dabei, sich ihren Boss aus dem Kopf zu schlagen. Gerade an diesem Punkt hätte die Geschichte nun wirklich interessant für mich werden können. Wie würde sie das machen? Und würde sie das schaffen? Gibt es ein Mittel, um einen Mann zu vergessen, um ihn aus seinem Herzen zu bannen? Wenn ja, dann wollte ich es jetzt wissen!

„Möchten sie noch etwas trinken?“, fragte die Bedienung und riss mich damit erneut aus meinen Gedanken. Überhaupt bemerkte ich nun, dass sie mich von oben bis unten musterte und ein schiefes Lächeln ihr Gesicht verzierte während sie in meine fast leere Riesentasse blickte. „Nein, danke“, erwiderte ich, „Ein bisschen was hab ich noch.“. Mit einem verächtlichen Blick starrte sie erneut in meine Tasse als wenn sie sagen wollen würde: „Mädchen, wie lange willst du dich denn noch an einem Pott Kakao festklammern? Wie arm bist du denn?“. Sie sprach diese Worte natürlich nicht aus, trotzdem war mir in dem Moment klar, dass sie sich gerade, mit einem einzigen Blick, ihr Trinkgeld verspielt hatte. „Ja genau, Sie dürfen jetzt gehen. Sobald ich was brauche weiß ich ja, wo ich Sie finde. Danke.“, und ließ meinen Blick nun erneut auf mein Buch schweifen während ich mit der rechten Hand nach der mittlerweile sehr leichten Tasse griff um auch den allerletzten Schluck zu vertilgen. Die Kellnerin stand noch neben mir und hatte diese Art der Provokation nun hoffentlich verstanden. Sie ging genervt und hinterließ mir noch ein leichtes Schnauben, sodass ich keine Minute später höchst höflich bei ihrer Kollegin nachbestellte.

„Das war aber sehr direkt“, kam von links und ich ließ erneut mein Buch in meinen Schoß fallen und schaute ihn fragend an. „Naja, ich meinte, da haben Sie die Bedienung aber spüren lassen, dass Sie ihre Art nicht mochten..“. „Genau, ich habe sie als aufdringlich empfunden, dann kann ich ihr das auch zeigen.“, antwortete ich sichtlich genervt. Ich wollte doch einfach nur meinen Schmöker lesen, wieso wollte mir das nur nicht gelingen?
„Ich heiße Mark“, sagte er und streckte mir seine rechte Hand entgegen. „Jessica.“, gab ich knapp zurück und schüttelte höflich seine Hand. Mir fiel direkt der leichte Druck auf, den er auf meine Hand ausübte. Nicht zu stark, als würde er einem Bauarbeiter die Hand geben, aber auch nicht zu leicht oder schlaff, als hätte er keine Kraft oder Angst, mich kaputt zu machen. Plötzlich bemerkte ich, dass ich ihn reizvoll fand.

„Und Sie wollen mir wirklich nicht verraten, was Sie dort lesen?“. „Ach, Herr Mark, ich würde es Ihnen ja glatt sagen, aber dann bekommen Sie vielleicht einen komischen Eindruck von mir“, kokettierte ich zurück. „Na, Fräulein Jessica, das können Sie ruhig mir überlassen. Erzählen Sie doch einfach ein wenig. Was ist nur so schlimm an dem, was Sie da lesen?“. Mir gefiel, wie es den Wink des Siezens gemischt mit der Anrede des Vornamens übernahm, er verstand wohl meinen Humor, bis hier hin. „Es ist ein typischer Frauenroman, gespickt mit viel zu vielen unrealistischen Vorstellungen von Romantik. Sie wissen schon, Mark, diese Art Bücher, die uns Frauen ganz schön den Kopf verdrehen und uns gleichzeitig für die Männerwelt versauen weil sie uns Vorstellungen nahe legen, die so nicht existieren, wir also nach dieser Art der Lektüre immer das Gefühl bekommen, den Richtigen noch nicht getroffen haben weil bisher kein Mann bereit war, das für uns zu tun, was die Figuren im Roman so alles tun.“, ich schnappte nach Luft. Mein Fehler, komme ich erst einmal in Fahrt wird es nicht so leicht mich zu stoppen. Ich sollte mich häufiger daran erinnern zu atmen. Obwohl ich nicht blond bin, muss das doch geübt sein. „Ach so, dieeese Art von seichter Literatur meinen Sie, Jessica.“. „Ich hoffe, Ihre Neugierde nun befriedigt zu haben. Und Sie, Mark? Wie kommt es, dass Sie gerade die Wirtschaftswoche zur Entspannung lesen?“, und schaute ihn dabei ungläubig an ohne so recht zu merken, dass ich meinen Rehblick direkt mit gezaubert hatte. „Gut, bloße Entspannung ist das nicht, aber ich bin der Meinung, dass wenn man sich für eine Sache richtig interessiert, sie auch entspannen kann ohne gleich unterirdisch seicht zu sein.“. Toll, das hatte gesessen. Schon wieder hatte es jemand geschafft, dass ich mich wie eine blöde, kleine Göre fühlte. Schon hatte ich keine Lust mehr auf eine Konversation mit Herrn Mark, blöder Kerl, für wen hält der sich denn? Ich weiß nicht, ob ihm das aufgefallen war, aber ich denke mal dass schon, denn mein Gesicht spricht Bände, selbst, wenn ich versuche mein Gesicht zum Verstummen zu bringen, keine Chance. Trotzdem sagte er: „Was machen Sie denn sonst so, wenn Sie nicht gerade halb auf dem Gehweg sitzen, Kakao schlürfen und einen Frauenroman lesen?“. So, wie er es sagte, fühlte ich mich auch nicht besser. Das war ich also für Außenstehende, ein infantiles Mädchen, dass an einem Samstagnachmittag nichts Besseres zu tun hat, als alleine in einem Café zu sitzen und sich von fremden Männern anquatschen zu lassen. Oje, sah ich etwa so aus, als sei ich auf der Suche? Oh bitte nicht! „Ich studiere“, brachte ich schnell heraus, zu schnell vielleicht, denn er schmunzelte als sei ihm klar, dass ich gerade versuchte, meinen Ruf zu retten. „So, Sie studieren? Was denn?“. Sprache und Literatur, so lautete meine gängige Antwort auf diese Frage, um es schnell verständlich zu machen. Aber daran dachte ich ja nicht einmal im Traum, es diesem Kerl jetzt noch so leicht zu machen: „Italienische Philologie im Hauptfach und neuere deutsche Literatur und Komparatistik als Nebenfächer.“, tönte ich und war mir sicher, die Folgefrage würde lauten: Was ist das denn? Philologie? Philosophie sagt mir ja noch was, aber Philologie? Und was ist Kompa.. Kompa.. Wie war das noch gleich? Ich bereitete mich schon auf meinen intellektuellen Siegeszug vor und setzte mich ganz aufrecht hin als er sagte: „Ah ja, sehr schön! Kommen Sie denn aus Italien?“, verflixt! Hatte er nicht zugehört? Phi-lo-lo-gie! Wusste er etwa, was es damit auf sich hatte? „Ja, meine Eltern kommen aus Italien. Und Sie so?“, brachte ich umgangssprachlich heraus, ein Frevel für eine Sprachwissenschaftlerin die gerade versucht, ihren Kitschromanen-Ruf zu verbessern.. „Ich komme aus Deutschland. Habe aber ein Jahr lang in Italien studiert, in Turin, vielleicht sagt Ihnen das ja was?“, und grinste mich breit an. Nun war es um mich geschehen – Ich war auf 180. Was bildete sich dieser Schnösel überhaupt ein? Ob ich Turin kennen würde? Also warf ich jegliche Resthöflichkeit über Bord: „Ja, schon mal von gehört. War selbst vor einigen Jahren dort, schöne Stadt.“, und griff mein Buch wieder auf und vergrub meine Nase so tief darin wie es nur möglich war. Ich konnte nur hoffen, dass der Wink ankam und er mich fortan in Ruhe weiter lesen ließ.

Aber ich hatte die Rechnung ohne seine Aufdringlichkeit gemacht: „Wollen Sie sich nicht zu mir setzen? Dann müssen wir nicht über zwei Tische reden.“, flapsig drehte ich mich um und konterte: „Schon, aber dann wird es für mich umso schwieriger, Ihnen aus dem Weg zu gehen um das Gespräch zu vermeiden.“. Doch, das hatte gesessen. Er schaute leicht entgeistert und ich genoss es so richtig dabei zuzuschauen, wie ihm sein blödes Grinsen aus dem Gesicht fiel. Tja, kleines Mädchen aber große Klappe, dachte ich und ein Schmunzeln drängte sich auf meine Lippen und breitete sich leicht auf meinem Gesicht aus. Leider schien Herr Mark das zu bemerken, denn daraufhin stand er auf mit Sack und Pack und rückte seinen Sessel zu meinem Tisch. Dann holte er die Zeitschrift und seinen Kaffee dazu und machte es sich gemütlich. Ich verfolgte den Vorgang und konnte gar nicht reagieren, wie erstarrt saß ich in meinem, bis dahin noch gemütlichen, Sessel und starrte und starrte. Er ließ sich in seinen Sessel plumpsen, beugte sich nach vorn und sagte: „Und, was machen wir heute noch?“. Wie bitte? Was hatte der denn gefrühstückt? Halluzinogene, Opiate oder eine Katze die ihm seine Synapsen zerkratzt hatte? Diesen Gedanken behielt ich lieber für mich, haben Magen und Gehirn auch nicht diese Art von Verbindung, nee, am Ende würde ich eh wieder wie die Blöde vom Dienst dasitzen. „Wie bitte?“, entgegnete ich ihm. Und er:„Ich wollte wissen, was wir heute noch machen..“, ja danke, das hatte ich dann doch verstanden, Wörter decodieren, das ist mein Beruf Schätzelein. „Ach so, das hatte ich nicht verstanden. Ja, was möchten Sie denn noch unternehmen, Herr Mark? Schwebt Ihnen etwas Bestimmtes vor?“. „Ich dachte heute Morgen ja noch an Kino, das Wetter ist ja scheußlich momentan, aber trotzdem bin ich froh, mich für das Café entschieden zu haben.“, ja er hatte verstanden, dass Beliebtheit genau so geht. „Und jetzt wollen Sie nicht mehr ins Kino?“, „Nein, jetzt nicht mehr. Wissen Sie, Frau Jessica, im Kino lässt es sich so schwer reden.“, „So, worüber möchten Sie denn reden? Aktien, Fusionen, Oligopole?“, ja, und damit hatte ich auch schon all meine wirtschaftlichen Begriffe auf den Tisch geknallt, die ich kannte. Hoffentlich ging er nicht weiter darauf ein, sonst müsste ich doch noch flüchten. Er fing an zu lachen und versicherte mir, er wolle über alles reden, nur bitte nicht über Wirtschaft. „Ah, lassen Sie mich raten, die Zeitschrift haben Sie vom Tresen weil Sie etwas lesen wollten es aber nichts Passendes für Sie gab?“, vermutete ich sicher, „Nein“, lachte er zurück und ich hoffte er ließ das Lachen bald sein, denn das trug gar nicht zu meinem Wohlbefinden bei, „Aber zugegeben, es gab nur einen Artikel, der mich wirklich interessierte und mit dem bin ich schon fast durch.“, oh, dieser Kerl hatte wirklich keine Ahnung von Frauen. Ich war also gerade zum Lückenbüßer seiner Langeweile avanciert, und wäre dann doch lieber die Unbekannte von Tisch drei geblieben, leider habe ich nicht oft die Wahl. „Ach so ist das. Ihnen ist langweilig, Herr Mark?“, und hoffte dass er nun verstand, dass ich auch nur ein Mädchen bin und so etwas wie Gefühle habe. „Langeweile würde ich das nicht nennen, aber Ihre Bekanntschaft zu machen schien mir tausend Mal spannender als einen Artikel zu lesen, den es morgen auch noch gibt.“, ah, jetzt hatte er es verstanden und damit gepunktet. Wir Frauen sind aber auch leicht gestrickt. „Da kann ich Ihnen nur zustimmen, hätte ich an Ihrer Stelle wohl genauso gemacht, hätte ich mich hier sitzen sehen.“, und wieder war seine Reaktion ein tiefes Lachen: „Sie sind von sich überzeugt, das mag ich!“, „Ich sitze hier schließlich alleine mit einem Buch im Café, denken Sie, das würde und könnte jemand machen, der sich selber nicht mag?“, „Wohl eher nicht“, stimmte er zu. „Also, was machen wir heute noch?“, fragte er erneut und ich befürchtete allmählich, dass seine Festplatte hängengeblieben war und sich unter seinen Klamotten ein Maschineninnenleben verbarg. Jetzt bemerkte ich erst, wie perfekt seine Gesichtszüge waren, er musste ein Cyborg sein, redete ich mir ein, und nahm mir damit auch gleichzeitig die Angst, von einem fremden Mann entführt zu werden, denn einen Nachmittag mit einem Cyborg hatte ich noch nie erlebt und das könnte eine Erfahrung wert sein. „Kino haben wir ja schon ausgeschlossen, weil wir lieber reden möchten. Was schwebt uns denn sonst so vor?“, konterte ich leicht amüsiert. Da saßen wir nun, zwei wildfremde Menschen die über ihre Tagesgestaltung sprachen ohne zu wissen, was der andere überhaupt mochte. „Ich bin dafür, dass wir die Location wechseln, weiter unten gibt es ein nettes Café in der eine Ausstellung eingebaut ist, vielleicht wäre das ja was für uns.“, sagte er ganz schön selbstbewusst. Ich hatte begriffen, dass er sich so schnell nicht abwimmeln lassen würde, andererseits hatte ich nichts Besseres zu tun und lesen konnte ich später immer noch. Außerdem wusste ich noch gar nicht, in welche Kategorie ich diesen Mark stecken sollte, zu schnell wechselte er von Nervensäge zu Unwiderstehlich, also gab ich uns die Chance, ihn noch als Nervensäge zu entlarven und stimmte zu. Dass ich keine Anglizismen mag, würde ich ihm später auch noch sagen.

Flieder lila gepunktet

Gestern bin ich etwas früher ins Bett gegangen, ich weiß auch nicht, ich konnte so wunderbar einschlafen wie schon lange nicht mehr. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern auch nur einmal gedacht zu haben Ich muss jetzt schlafen. Nein, daran kann ich mich wirklich nicht erinnern. Das erscheint mir selbst jetzt, im trüben Tageslicht, suspekt. Also von vorn:

Ich ging mit diesem Mark tatsächlich noch ins Wunderbar, oder in die wunder Bar, oder eben Wunder Bar, ich weiß es auch nicht mehr so recht. Ich erinnere mich aber noch, wie ich diesen Mark fragte: „Geschehen hier wahre Wunder, oder wie soll man das verstehen?“. Wie er darauf reagierte brauche ich eigentlich gar nicht mehr zu sagen.. Er lachte natürlich. Natürlich.. und ich rollte die Augen, natürlich. Da saßen wir nun also, in diesem für diese Tageszeit viel zu dunklen, Café und.. Moment, eigentlich saßen wir ja in einer Bar, wenn man dem Namen denn nun trauen durfte. Und genau so verwirrend wie der Name des Lokals war auch die Atmosphäre. Es war nicht nur abgedunkelt sondern es roch auch merkwürdig, nach Bierleitungen und kalter Asche, dabei herrschte auch hier absolutes Rauchverbot, sonst hätte die Lokalität als Künstlertreff durchgehen können, aber so tat es das nicht. Die versprochene Ausstellung bestand aus einigen, für meinen Geschmack viel zu chaotische, Anordnung weniger Bilder an der Wand. Alles schrie förmlich nach gewollt, aber nicht gekonnt und ich hätte am liebsten mit geschrien, denn hier befand ich mich nun mit diesem Herrn Mark, den ich genauso gut kannte, wie ich ihn ansprach.

„Kommen Sie öfters her?“, hörte ich mich fragen.
„Nein, eigentlich nicht.“, und dabei lächelte er und hob die Hand nach der Bedienung.
Das war er also, der Anfang einer wundervollen Konversation, nicht. Ich begann mich zu fragen, was ich dort überhaupt zu suchen hatte. Nein, im Ernst, das fragte ich mich wirklich und weiter, was ich mir denn erhofft hatte, wieso sprang ich überhaupt so leicht auf eine lockere Einladung an? Obwohl, vielleicht war es auch keine Einladung, aber alles war so schnell gegangen, dass ich mich plötzlich fragte, ob ich wohl einen Teil der vorherigen Konversation nicht ganz mitbekommen hatte. Doch, so etwas passte zu mir, vielleicht hatte er ja beiläufig etwas von einem Job gesagt, oder von.. einem Angebot, dass ich nicht hätte abschlagen können? Nein, ich dachte scharf nach, was er überhaupt gesagt oder getan hatte, das mich dazu in die Lage versetzte, ja zu diesem Abstecher hier zu sagen. Meine Augen hatten sich an einem dieser kleinen, fast schon unheimlichen, Bildern festgehangen und irgendwann bemerkte ich, dass ich anfing, mit den Zähnen zu knirschen. Oje, ich war total in Gedanken versunken, und das bemerkte unser kluger Herr Mark natürlich auch schon seit einer Weile. Breit grinsend saß er da, leicht breitbeinig und mit ineinander verschlungenen Armen. Ich schreckte für einen Moment auf und versuchte mich dann unglaublich cool zu geben. Ja, schön lässig fing ich an, Zucker in meinen Cappuccino zu geben, den ich jetzt erst vor mir auf den Tisch bemerkte. Ich schien doch ein wenig länger abwesend gewesen zu sein und er schien für mich bestellt zu haben, sagte aber nichts. Er saß da und grinste schief, ob er wohl wusste, dass er schief grinste? Ganz schön unheimlich.

Da, plötzlich passierte es! Er sagte was! „Du hast da was auf deinem Tuch.“, und deutete mit seinem Zeigerfinger auf meine rechte Brust, darüber mein fliederfarbener Schal der nun kleine, braune Sprenkel aufwies. „Danke.“, entgegnete ich ihm höflich. Später würde ich den gesamten Schal mit lila Punkten übersehen und es würde toll aussehen, doch das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Stattdessen verharrte ich in meinem Stuhl und dachte gar nicht daran, irgendetwas zu sagen. Ich dachte, ihm würde es im Nachhinein auch blöd vorgekommen sein, diesen Sitzwechsel überhaupt vorgeschlagen zu haben, sehr wahrscheinlich bereute er bereits. Da kam wieder eine plötzliche Bewegung von gegenüber: „Sind sie häufiger hier?“. Wie bitte? Der wollte mich doch total verkohlen. „Nein. Zum ersten Mal gerade.“, antwortete ich gezwungen knapp. „Dann können Sie mir wohl auch nicht verraten, ob es hier normalerweise anders zugeht?“.
„Nein, das kann ich nicht. Aber wieso fragen Sie? Und wieso..“, ah, ich brabbelte wieder und nun musste ich den Satz auch schon zu Ende führen: „..wollten Sie hier her?“, fragte ich fast schon schüchtern.

„Freunde sagten, ich sollte hier mal einen Blick rein werfen, und das habe ich hiermit auch getan.“

Wir“, korrigierte ich ihn, „Wir haben das hiermit getan.“, und diesmal lachte ich ihn an.
Von nun an lief das Gespräch wie am Schnürchen und er entpuppte sich im Laufe des Kaffees als charmanter, gebildeter und witziger Kerl mit einem mittelleichten Hang zur Nervensäge.
Nach dem Kaffee machte ich mich allerdings etwas abrupt auf den Weg. Ich nahm den Besuch des Geschäftsführers an unserem Tisch zum Anlass, höflich die Biege zu machen, noch bevor ich genau verstehen konnte, wieso Herr Mark und Herr Geschäftsführer nun überhaupt ins Gespräch kamen und woher sie sich überhaupt kannten. Herr Mark schien auch nicht erfreut, als er bemerkte dass ich im Handumdrehen meine Jacke übergezogen und meine Tasche gepackt hatte. Das wiederum erfreute mich, und ich wollte auch nicht weiter zu ergründen versuchen, wieso ich an diesem Nachmittag mit diesem Herrn in dieser.. Bar gelandet war. So entschied ich, einen Abgang zu machen und mit den zwei Euro, die ich auf dem Tisch hinterlegt hatte, was ich niemandem, auch nicht mir selbst, irgendetwas schuldig.
„Frau Jessica, ich kann nur hoffen, dass wir uns wieder sehen. Entschuldigen Sie bitte..“.
„Schon in Ordnung, ich habe wirklich noch etwas Dringendes zu erledigen. Ich bedanke mich sehr, für das nette Gespräch, Herr Mark. Es war zwischenzeitlich sehr.. amüsant mit Ihnen.“.

Ich ging, ohne mich umzudrehen. Draußen an der frischen Luft, ok eigentlich erst nachdem ich um die Ecke gebogen war, zündete ich mir eine Zigarette an während ich bemerkte, dass meine Haare viel von diesem wunderbaren Geruch aufgesogen hatten, „Wie `ne leere Kneipe früh am Morgen“, hörte ich mich flüstern. Bis zu Hause hatte ich es nicht weit, das war ein weiterer Grund für mein schnelles Verschwinden. Ich hätte Herrn Mark ja schlecht bis ans andere Ende der Stadt führen können, hätte er mich noch ein Stück begleiten wollen. Ich kannte ihn ja nicht einmal, da sollte er nicht wissen, wo ich wohne. Ganz schön altmodisch dieser Gedanke, als ob er dann irgendwas anrichten könnte. Naja, streng genommen könnte er ja, denn er wüsste dann wo ich wohne. Den kurzen Heimweg über dachte ich über alle Möglichkeiten nach, die ein Kerl hätte, wenn er wüsste, wo ich wohnte. Als er zu gruselig wurde beschloss ich, in meinem Kopf die Platte zu wechseln und vielleicht mal über was anderes nachzudenken als Stalker, Massenmörder und Kättensägen-Joe`s.

Zu Hause angekommen versuchte ich, nicht über die bizarre Begegnung mit Herrn Mark nachzudenken. „Den sehe ich eh nie wieder“, vermutete ich laut, während ich mich auszog um schnell unter die Dusche zu hüpfen um meine Haare von dem penetranten Geruch zu befreien. Danach machte ich mich viel zu früh bettfertig denn der Abend kam schnell und ehe ich mich versah, hatte ich ein „neues“ Tuch, auf das ich mich freuen konnte: Flieder mit lila Punkten über kleinen Kaffeeflecken.

Ein schwammiger Tag

Es gab da mal einen grünen Schwamm, der wurde nach viel zu langer Wartezeit im Supermarktregal von einem jungen Pärchen mit nach Hause genommen. Seine zwei Freunde, mit denen er seit Verlassen der Fabrik eine Verpackung geteilt hatte, freuten sich riesig auf ein neues zu Hause und darauf, endlich dem Karton zu entkommen: „Mal wieder die Arme so richtig ausstrecken, das fände ich toll!“, sagte der Erste und der Zweite übernahm das Wort, indem er sagte: „und sich die Ecken und Kanten mal wieder zu kratzen, das fände ich total toll!“, und der kleine Schwann mischte sich auch in das Gespräch ein und sagte: „Au ja, mal wieder auf der weichen Bauchlage liegen statt immer im Stehen auszuharren, darauf freue ich mich ja am meisten!“. Nun war das Schweigen mehr als nur gebrochen und die drei Schwämme redeten alle durcheinander und malten sich ihr neues zu Hause aus, zwischendurch überlegten sie auch, dass sie vielleicht noch auf den einen oder anderen Bekannten treffen könnten, hiermit war ihre Vorfreude nicht mehr zu brechen und sie quatschten wild durcheinander bis die Einkauftüte abgesetzt wurde – gespanntes Schweigen.

Das erste was sie sahen, war ein helldurchfluteter, weißer Raum mit einigen braunen Elementen. „Die Küche!“, schrie der erste und der zweite hinterher: „Schwammgott sei Dank! Unsere Gebete wurden erhört – wir kommen nicht ins Klo!“. Allgemeine Begeisterung breitete sich aus und der Dritte stimmte ein: „Hoffentlich trinken die Zwei Sojamilch, dann will ich immer die Gläser übernehmen! Und hoffentlich mögen sie rotes Fleisch, ui, nur wenn ich an das Bratenfett denke läuft mir der Schaum im Munde zusammen! Meint ihr.. ja, meint ihr, die mögen sowas?“. „Ach Kleiner“, sagte der Zweite, „du hast in der Fabrik zu viel den Gesprächen von Peter gelauscht, woher willst du überhaupt wissen, ob Bratenfett etwas für dich ist?“. „Na, aus Erzählungen! Peter sagte ja: « Ein Schwamm müsste man sein, den ganzen Tag leckeres Bratenfett ablecken, na das ist doch mal ein Leben! » und seitdem ich das gehört habe, finde unser Leben gar nicht mehr erbärmlich. Nee, seitdem freue ich mir nur noch auf meinen ersten Einsatz, auf mein erstes Zusammentreffen mit dem Bratfett! Ich werde der beste Schwamm sein, den diese Familie je gesehen hat!“, tönte er laut.

Sein Einsatz kam schneller, als er schauen konnte. Erst wurden die anderen Einkäufe weg gepackt, dann die Reinigungsutensilien, gut sortiert kamen die Schwämme unter die Spüle neben den Fettlösern und dem Spülmittel. Schnell machten sie die Bekanntschaft mit den stählernden Topf-reinigern, doch bevor es richtig zum Kennenlernen kam, wurde der dritte Schwamm geschnappt und der Wasserhahn wurde aufgedreht. Mit einem „Jippieh!“ verließ der Schwamm die unterirdischen Gefilde unter der Spüle und wärmte sich schon mal für seinen ersten Einsatz auf: „links, zwo, drei, vier.. links, zwo, drei, vier!“. Aus der Vogelperspektive vernahm er bereits eine braune, dicke Suppe.. „Das könnten Pilze sein..“, dachte er leise in sich hinein, „Pilze und vielleicht.. Bratensoße!? Sieht so Bratensoße aus?“. Da er der beste Schwamm sein wollte, wie vorher groß angekündigt, öffnete er daher seine Poren um wirklich alles, aber wirklich alles, entfernen zu können. Kurz unters Wasser gehalten merkte er, wie er schwerer wurde, und ohne sich auf diese Veränderung einstellen zu können machte er auch schon die Bekanntschaft mit dem Spüli, blau und gutriechend, wurde er damit eingeseift, sodass er Bläschen spuckte. Auch darauf konnte er sich kaum vorbereiten, wieder öffnete er seine Poren denn nun ging es geradewegs auf den Topf zu: „Ich bin ein kleiner, grüner, Superschwamm.. Ich bin ein kleiner, grüner, Superschwamm.. Ich bin ein klei…!“, schon war er mitten in der Suppe gelandet und wischte sich von Pilz zu Pilz, von Soße zu Soße.. Aber irgendwie war alles anders als in seiner Theorie: Die Suppe war viel dicker als erwartet, und diese Fäden die sie zog wickelten sich um ihn als sei er in Gefangenschaft genommen worden. Durch das wischen zeigte sich nun eine zweite Lage unter den Pilzen, „Ganz schön weiß für eine Bratensoße..“, dachte er sich während er wischte und weiter die Poren öffnete um allen Schmutz in sich aufzunehmen. An dieser Stelle vernahm er einen lauten Schrei, die Dame des Hauses hatte wohl etwas entdeckt, dass ihr so gar nicht gefiel.. Sie ließ ihn abrupt aus der Hand fallen und bekam Tränen in den Augen. „Ha!“, dachte sich unser kleiner, grüner Held, „Sie ist bestimmt gerührt weil ich direkt an meinem ersten Arbeitstag so eine tolle Arbeit mache! Ja, ich war schon ziemlich günstig, dafür, dass ich so vieles kann. Was freue ich mich, meinen Freunden davon zu erzählen! Die werden staunen!“.
Ehe er diesen Gedanken zu Ende führen konnte, kam er unter heißes Wasser und plötzlich hatte er das Gefühl, als würde er nun selber geschrubbt werden. Er ließ diese Prozedur über sich ergehen mit dem festen Vorhaben, seine Freunde und auch die bekannten Topfreiniger später zu fragen, was es damit wohl auf sich hatte.

Nach einer gefühlten halben Ewigkeit wurde die Tür zum Spülensouterrain geöffnet und der kleine Schwamm, der wohltuend nach Spüli roch, kam in die Nähe der anderen Schwämme aber eben nicht direkt zu ihnen. Aus einer kleinen Schublade heraus fragte er die anderen: „Hey, Freunde, ich hatte gerade meinen ersten Einsatz, total toll da draußen, müsst ihr auch mal versuchen! Obwohl es doch anders war als gedacht, hey, Nummer 1, du hattest Recht, diese Bratensoße ist ziemlich komisch und gar nicht so toll, wie sie sich bei Peter anhörte..“, da verzogen die alteingesessenen Topfreiniger die stählernen Mundwinkel und sagten: „Wie, welche Bratensoße denn? Das hätten wir doch mitbekommen wenn da..“, Stille. Ganz besorgt tauschten die Topfreiniger nun einige Blicke miteinander und kamen schweigend zu dem Schluss, die neuen Schwämme über diverse Begebenheiten zu unterrichten: „Nummer 3, so heißt du doch.. Also pass auf, du musst jetzt ganz tapfer sein! Den Einsatz, den du gerade oben hattest, das war wohl kein normaler. Denn Bratensoße gab es in diesem Haus bestimmt seit einer Woche nicht.. Wir denken daher, dass du nun infiziert bist, weswegen du nicht zu uns in Körbchen gesteckt, sondern oben in die Schublade kamst. Du..“, da unterbrach ihn der Schwamm und stieß empor: „Wie? Infiziert? Womit? Was heißt das jetzt?“. Da antwortete der Schwammälteste: „Wir denken, du wurdest ausversehen zum Schimmelreinigen eingesetzt und wenn du nicht die Poren ganz fest verschlossen hast, dann wirst du wohl Schimmelsporen abbekommen haben. Hast du..?“, fragte er ihn mit großen, besorgten Augen. „Nein, das habe ich nicht.. Ich wollte doch an meinem ersten Tag glänzen..“.

Die Tage des Schwammes waren von nun an gezählt. Schlimmer, als dieses Todesurteil empfand er aber die Ablehnung seiner Freunde, die von nun an nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten aus Angst, sich infizieren zu können. So führte der kleine, grüne Schwamm seine letzten Tage alleine in der Schublade mit seinen Gedanken und mit der Frage, was er nächstes Mal wohl besser machen könnte.

Sonntagsgeflüster

Mal wieder viel zu früh wach, hatte ich so gar keine Lust, aus dem warmen Bettchen zu hüpfen. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, ich brauchte einen Kaffee. Noch im Schlafrausch füllte und bediente ich die Maschine, überlegte, ob ich Pläne für diesen langen Tag hatte, doch die erste Antwort lautete nein. So ging ich währenddessen duschen, die Maschine schaffte das ab jetzt auch ganz gut alleine, meine Synapsen brauchten eine Erfrischung. „Wie gut, dass ich mir den Tanz in den Mai verkniffen habe“, sagte ich vor mich her und stellte das Wasser auf semi-warm, oder semi-kalt, eine Frage der Perspektive. Unter der Dusche stimmte ich fröhlich Acapella von Kelis ein, schrubbte mir die toten Hautschüppchen von der Haut und sang mir die Seele aus dem Leib. Nach 5 Minuten und ewigen Wiederholungen des Refrains später, fühlte ich mich wach. Der Kaffee müsste bald fertig sein, ich bereitete also schon mal eine Tasse vor, legte zwei Würfelzucker hinein und stellte schon mal die kalte Milch aus dem Kühlschrank raus. Noch mit dem Handtuchturban auf dem Kopf und im Bademantel stellte ich mich mit meinem Kaffee in der Hand ans Fenster. „Welch ein tolles Wetter heute! Ich sollte mir ein Buch schnappen und in den Schlossgarten gehen!“, stellte ich fest. Ich schien ganz vergessen zu haben, dass der Tanz in den Mai nicht die einzige Tradition ist, die zum Übergang vom April in den Mai liebevoll behandelt wird. Und die bunten Bänder, die ich aus dem Augenwinkel wahrnahm, schienen mich nicht weiter abzulenken, bis ich mir die Mühe machte, mal genauer hin zu schauen. „Ein Maibaum!!“, stieß ich empor. „Für mich?“, und rieb mir dabei ungläubig die Augen. Wie hatte es jemand geschafft, den an meinem Fenster ins Vierte Stock zu befördern? Ein Ding der Unmöglichkeit! Aber da war er, festgebunden und wedelnd im Wind und trug meine Initialen SP, das war eindeutig meiner!!

Damit hatte ich gar nicht gerechnet, und so wurde aus dem viel zu langen Sonntag ein viel zu kurzer Tag, um herauszufinden, wer der Aufsteller war.

Und plötzlich..

..war er da. Ganz unverhofft und unangemeldet schellte es an ihrer Wohnungstür, es war schon spät: „Wer kann das sein?“, fragte sie sich selbst. Sie nahm den Hörer ab: „Hallo?“. „Hallo! Ähm, ja, hey! Ähm, schön, dass du zu Hause bist!“. Er war es. Die Gegensprechanlage war zwar was älter, aber seine Stimme würde sie in tausend Jahren wieder erkennen. Er war dort, bei ihr.
„Hey, also.. ja, magst du hoch kommen?“.
„Gerne!“.
Sie drückte den Knopf, das Summen klang durch den Hörer. Er war im Haus. Doch bis er vor ihrem Appartement stehen würde, blieben ihr noch höchstens zwei Minuten. Aber für eine Frau ist das keine Zeit. Sie huschte schnell zum Spiegel, wenigstens konnte sie noch kurz ihr Äußeres überprüfen, schließlich waren seit ihrem letzten Wiedersehen bestimmt zwei Jahre vergangen. Ob er merken würde, dass sie erste Fältchen bekommen hatte? Würde ihm ihre neue Frisur gefallen? Sonst mochte er immer lange Haare, das hatte sie gewusst. Damals, als sie noch zusammen waren, trug sie die Haare auch noch lang, und er war nie müde geworden, ihr zu sagen, wie sehr er es liebte, wenn seine Frau die Haare offen trug. “Heute sind sie kürzer als damals“, dachte sie, „aber immer noch recht lang!“. Sie erwischte sich dabei, wie ihr ein Lächeln über das Gesicht flog, als hätte sie nun die Gewissheit, ihm trotz der neugewonnenen Alterserscheinungen, immer noch gefallen zu können.
Es klopfte, und ihr Herz stimmte mit ein.
„Hallo! Hey! Komm rein!“, sagte sie und wurde das blöde Gefühl nicht los, feuerrot angelaufen zu sein. Wieso konnte sie in solchen Augenblicken nur nicht so cool bleiben wie er.
„Hey! Mensch, ich hoffe ich störe nicht! Ich..“.
„Nein, quatsch! Komm rein, ich freu mich total, dass du hier bist! Magst du was trinken? Wasser, Tee oder auch Kaffee? Also ich reagiere da ja schlecht drauf, kann dann die ganze Nacht nicht..“
„Ja, ich weiß!“, und er lachte aus voller Kehle, als hätte sie etwas Witziges gesagt. Sie fragte sich, ob das Teil seiner Aufregung war. Vielleicht war er ja auch nicht so cool, wie er tat. „Als hätte ich das vergessen! Weißt du noch, damals, da waren wir abends bei Jenny zu Hause und sie hatte noch Kaffee gemacht und der war auch lecker und alles gut, aber Mann bist du mir dann zu Hause auf den Keks gegangen weil du nicht einschlafen konntest!“, und er lachte fröhlich weiter, die Erinnerung hatte ihn vollkommen eingenommen und so sprudelte er weiter: „Du konntest noch nie gut alleine wach sein. Also hast du mich die ganze Nacht mit wach gehalten, obwohl ich sehr wohl hätte schlafen können, weißt du noch?“. Und plötzlich war er da, dieser vertraute Blick, wie er sie damals schon angeschaut hatte, wenn sie über ihre gemeinsame Zukunft geredet hatten. Und nun bekam er den gleichen Blick, wenn er über ihre gemeinsame Vergangenheit sprach. „Ja, ich weiß, ich weiß. Es war eine Horror-Nacht. Aber darf ich das jetzt als ‚ja‘ verstehen? Kaffee?“, sagte sie leicht verlegen. Sie mochte es nicht, wenn sie sich nach all der Zeit wieder sahen und er direkt die Verknüpfung zu intimen Momenten zwischen ihnen herstellte.
„Nur, wenn du auch einen trinkst.“, antwortete er mit einem Zwinkern. Er wusste genau, dass er einen ihrer wunden Punkte getroffen hatte, denn nur die wenigsten Dinge passieren aus purem Zufall. Aber das musste sie ja nicht wissen. Nicht jetzt.
„Sag mal, wie lange bleibst du denn diesmal?“, fragte sie, und dabei wurde ihre Stimme fast schon lyrisch hoch. Er bemerkte es auch: „Nur bis morgen Nachmittag, daher der Spontanbesuch um die späte Stunde. Ich störe wirklich nicht?“.
„Ach quatsch, jetzt hör schon auf. Erst tauchst du hier einfach so auf mit dem Vorwissen, du könntest vielleicht stören, scherst dich aber nicht darum und nun dieses Höflichkeitsgeplänkel! Also ehrlich, du hast dich gar nicht geändert!“.
„Stimmt, aber du scheinbar auch nicht. Bist immer noch so leicht aus der Ruhe zu bringen wie damals, wie?“, und warf ihr dabei eines seiner unwiderstehlichen Lächeln zu.
Während sie den Kaffee aufbrühte und versuchte, ihr Herz unter Kontrolle zu bringen, überkam sie ein Gefühl, von dem sie nur hoffen konnte, dass es sich irrte. Doch es kam ihr selber unrealistisch vor. Heute Nacht würde etwas passieren, wie sollten sie sonst die Stunden der Wachheit überstehen.

Ein Morgen am Meer

Ich schaute hinüber zum Horizont mit der bestimmten Gewissheit, etwas Land entdecken zu können, wenn ich nur ganz genau hinschaute. So kniff ich die Augen zusammen, als Schutz vor der hellen Sonne die scheinbar nicht zulassen wollte, dass ich Land zu sehen bekam. Irgendwann bildete ich mir ein, Griechenlands Küste sehen zu können. Vielleicht war es aber doch keine Einbildung.

Ich erinnere mich daran wie ich noch klein war und meine Nonna (italienisch für Oma) mit mir zum Strand runter ging. Im Gepäck hatte sie immer was Leckeres zu Essen, eine Tüte Saft und die besten Geschichten der Welt! Eines Morgens packte sie mich sogar recht früh ein, es muss 7 Uhr gewesen sein. Denn die Sonne war zwar schon da, aber auf den Straßen herrschte noch die nächtliche Ruhe, der Strand war Menschenleer und das Meer eine Tafel, kein Lüftchen regte sich, das Wasser blieb still. Die wenigen Wellen die das Ufer erreichten verschwammen im Sand, der Schaum blieb sogar ganz weg. Meine Nonna spannte den Sonnenschirm auf, legte eine Handtuch-Landschaft aus und bat mich, mein Sommerkleidchen auszuziehen. Sie hatte wohl nicht bemerkt, dass ich schon ganz aufgeregt im Badeanzug neben ihr stand und sie mit großen Augen anschaute die sagen wollten: „Darf ich ins Wasser? Darf ich?“. Natürlich durfte ich, dafür waren wir schließlich da. Aber das Wasser war bitterlich kalt, ich spielte ein wenig mit meinen Zehen und ließ sie sanft durch das kalte Nasse gleiten, wie weich das Wasser doch sein konnte. Ich entschied mich, Muscheln am Ufer zu sammeln und nach ihnen zu buddeln. Meine Nonna erzählte mir, nachdem ich verwundert nachfragte, wo denn die „Tiere“ seien, ich sollte da graben, wo kleine schwarze Löcher im Boden sind, das seien die Luftlöcher der Muscheln. Und sie hatte Recht, da versteckten sich auch schon die „Tiere“. Binnen weniger Minuten war mein Eimerchen dann voller Muscheln und Steinen und, ja, vom Wasser geschliffenes, Glas. Meine Oma bat mich zu sich, ob ihr nicht zeigen wollte, was ich denn so alles gefunden hätte, im heimischen Boden. Ich tippelte zu ihr mit dem Versuch, allen Sand am Boden zu lassen, aber das sollte nicht klappen. Wieso, erfuhr ich auch wenig später. Ich ließ mich auf eins der Handtücher plumpsen und kippte meinen Eimer aus, voller Enthusiasmus präsentierte ich die großen und die kleinen „Tiere“, und das weiße und das grüne Glas.. Als ich mit der Vorführung meiner Beute fertig war, verharrte mein Blick auf der geraden Linie des Horizonts. „Nonna, was ist hinter dem Wasser? Kommt da noch was?“. Mit einer Engelsgeduld erklärte sie mir, dass hinter der Linie ein anderes Land liegt, nämlich Griechenland. Und weiter sagte sie, dass wenn das Wetter richtig richtig gut und kein Wölkchen am Himmel sei, dann könnte man sogar die Küste Griechenlands erblicken. Damit hatte sie meine gesamte Aufmerksamkeit gewonnen. Hinter dieser Linie sollte also ein anderes, fremdes Land liegen. „Wow!“, dachte ich, „hoffentlich haben wir morgen richtig richtig gutes Wetter und keine Wolken am Himmel! Dann sehe ich Griechenland!“.

Seit dem Tag warte ich auf das richtige Wetter, auf die nicht vorhandenen Wolken, auf die klare Sicht aufs andere Ufer, das doch nicht das Ende der Welt bedeutet. Doch wenn ich meine Augen so wie jetzt zukniff, war ich sicher, es sehen zu können: Die Küste hinterm Horizont.