Königsblau

Heute möchte ich unbedingt eine Collage machen, dafür habe ich schon die passende Pappe gekauft, in einem schönen königsblau: Erhaben, schick, edel. Es ist für ein Blog-Projekt, das passenderweise den schönen Titel „Der perfekte Mann“ trägt. Ich bin gespannt. Gerade aufgrund des Themas entschied ich mich für das königsblau, alles andere wäre mir zu knabenhaft gewesen.

Ich war gestern tatsächlich noch aus. Erst sollte es nur ein kleiner Spaziergang werden, dachte ich. Dann schlenderte ich aber auf dem Rückweg an die Cafémeile vorbei und mein Blick verharrte auf einen kuscheligen Stoffsessel der draußen unter der Markise und doch mitten auf dem Gehweg aufgestellt war. Da ich eh ein Buch dabei hatte, wie so oft wenn ich das Haus verlasse, endschied ich mich kurzerhand dort Platz zu nehmen. Ich bestellte einen großen Pott Kakao mit Sahne, nicht mit Wasser, mit Milch.

Der Kakao kühlte recht schnell auf die Außentemperatur herunter, gefühlte 10°C, und ich schien unglaublich tief in meinen Schnulzenroman eingetaucht zu sein, denn sehr spät erst bemerkte ich den jungen Mann im Sessel an meiner linken. Ich blickte nur kurz auf, um mir eine Zigarette anzuzünden – was auch erklärt, wieso ich bei gefühlten 10°C überhaupt draußen sitzen wollte – da kreuzten sich auch schon unsere Blicke. Ich schielte Prompt auf seine Hände, was machte er nur alleine in einem Café? Ihn schien die gleiche Frage zu beschäftigen, denn er legte seinen Kopf zur Seite und versuchte den Titel meines Buches ausfindig zu machen. Schnell klappte ich es zu und legte es auf den Bauch, mit dem Cover nach unten, mir war es sichtlich unangenehm dass ich als Literaturstudentin einen solchen Schmöker in die Öffentlichkeit brachte und diesen auch noch öffentlich las. „Hätte ich mal lieber Kafka`s Kurzgeschichten eingepackt!“, dachte ich leise in mich hinein. Er hingegen las die Wirtschaftswoche, toll, das ist doch mal ein Statement.

„Was lesen Sie denn da?“, fragte er und riss mich damit gedanklich aus meinem Buchfundus, den ich im Kopf immer noch durchging auf der Suche nach einer möglichst eindrucksvollen Lektüre.
„Ach, nichts Besonderes. Etwas Seichtes um den Kopf zu entlasten.“, antwortete ich und bemerkte auf Anhieb, dass meine Worte eine gute Entschuldigung waren. „Und Sie lesen die Wirtschaftswoche, wie ich sehen kann. Aus beruflichen Gründen?“, fragte ich schnell zurück.
„Naja, nicht so wirklich. Ebenfalls etwas Seichtes, um den Kopf frei zu bekommen..“, lächelte er und zwinkerte mir dabei zu. Ah, der feine Herr denkt wohl, er sei besonders witzig. „Na dann, viel Erfolg noch bei Ihrem Vorhaben!“, gab ich entnervt zurück und griff mit meinen Fingern hastig nach meiner seichten Lektüre. Ich versuchte mich wieder ganz in die Geschichte zu vertiefen, aber es wollte einfach nicht gelingen. Irgendwie spürte ich seine Blicke auf mir, sehr wahrscheinlich nur bloße Einbildung, aber nun war ich abgelenkt. Selbst für eine so leichte Lektüre brauchte ich mehr Ruhe, Entspannung, einen freien Kopf eben. So konnte ich unmöglich lesen. Ich war bei einem langen Satz hängen geblieben, las ihn wieder und wieder und wollte ihn doch nicht so recht verstehen. Die Titelheldin war gerade dabei, sich ihren Boss aus dem Kopf zu schlagen. Gerade an diesem Punkt hätte die Geschichte nun wirklich interessant für mich werden können. Wie würde sie das machen? Und würde sie das schaffen? Gibt es ein Mittel, um einen Mann zu vergessen, um ihn aus seinem Herzen zu bannen? Wenn ja, dann wollte ich es jetzt wissen!

„Möchten sie noch etwas trinken?“, fragte die Bedienung und riss mich damit erneut aus meinen Gedanken. Überhaupt bemerkte ich nun, dass sie mich von oben bis unten musterte und ein schiefes Lächeln ihr Gesicht verzierte während sie in meine fast leere Riesentasse blickte. „Nein, danke“, erwiderte ich, „Ein bisschen was hab ich noch.“. Mit einem verächtlichen Blick starrte sie erneut in meine Tasse als wenn sie sagen wollen würde: „Mädchen, wie lange willst du dich denn noch an einem Pott Kakao festklammern? Wie arm bist du denn?“. Sie sprach diese Worte natürlich nicht aus, trotzdem war mir in dem Moment klar, dass sie sich gerade, mit einem einzigen Blick, ihr Trinkgeld verspielt hatte. „Ja genau, Sie dürfen jetzt gehen. Sobald ich was brauche weiß ich ja, wo ich Sie finde. Danke.“, und ließ meinen Blick nun erneut auf mein Buch schweifen während ich mit der rechten Hand nach der mittlerweile sehr leichten Tasse griff um auch den allerletzten Schluck zu vertilgen. Die Kellnerin stand noch neben mir und hatte diese Art der Provokation nun hoffentlich verstanden. Sie ging genervt und hinterließ mir noch ein leichtes Schnauben, sodass ich keine Minute später höchst höflich bei ihrer Kollegin nachbestellte.

„Das war aber sehr direkt“, kam von links und ich ließ erneut mein Buch in meinen Schoß fallen und schaute ihn fragend an. „Naja, ich meinte, da haben Sie die Bedienung aber spüren lassen, dass Sie ihre Art nicht mochten..“. „Genau, ich habe sie als aufdringlich empfunden, dann kann ich ihr das auch zeigen.“, antwortete ich sichtlich genervt. Ich wollte doch einfach nur meinen Schmöker lesen, wieso wollte mir das nur nicht gelingen?
„Ich heiße Mark“, sagte er und streckte mir seine rechte Hand entgegen. „Jessica.“, gab ich knapp zurück und schüttelte höflich seine Hand. Mir fiel direkt der leichte Druck auf, den er auf meine Hand ausübte. Nicht zu stark, als würde er einem Bauarbeiter die Hand geben, aber auch nicht zu leicht oder schlaff, als hätte er keine Kraft oder Angst, mich kaputt zu machen. Plötzlich bemerkte ich, dass ich ihn reizvoll fand.

„Und Sie wollen mir wirklich nicht verraten, was Sie dort lesen?“. „Ach, Herr Mark, ich würde es Ihnen ja glatt sagen, aber dann bekommen Sie vielleicht einen komischen Eindruck von mir“, kokettierte ich zurück. „Na, Fräulein Jessica, das können Sie ruhig mir überlassen. Erzählen Sie doch einfach ein wenig. Was ist nur so schlimm an dem, was Sie da lesen?“. Mir gefiel, wie es den Wink des Siezens gemischt mit der Anrede des Vornamens übernahm, er verstand wohl meinen Humor, bis hier hin. „Es ist ein typischer Frauenroman, gespickt mit viel zu vielen unrealistischen Vorstellungen von Romantik. Sie wissen schon, Mark, diese Art Bücher, die uns Frauen ganz schön den Kopf verdrehen und uns gleichzeitig für die Männerwelt versauen weil sie uns Vorstellungen nahe legen, die so nicht existieren, wir also nach dieser Art der Lektüre immer das Gefühl bekommen, den Richtigen noch nicht getroffen haben weil bisher kein Mann bereit war, das für uns zu tun, was die Figuren im Roman so alles tun.“, ich schnappte nach Luft. Mein Fehler, komme ich erst einmal in Fahrt wird es nicht so leicht mich zu stoppen. Ich sollte mich häufiger daran erinnern zu atmen. Obwohl ich nicht blond bin, muss das doch geübt sein. „Ach so, dieeese Art von seichter Literatur meinen Sie, Jessica.“. „Ich hoffe, Ihre Neugierde nun befriedigt zu haben. Und Sie, Mark? Wie kommt es, dass Sie gerade die Wirtschaftswoche zur Entspannung lesen?“, und schaute ihn dabei ungläubig an ohne so recht zu merken, dass ich meinen Rehblick direkt mit gezaubert hatte. „Gut, bloße Entspannung ist das nicht, aber ich bin der Meinung, dass wenn man sich für eine Sache richtig interessiert, sie auch entspannen kann ohne gleich unterirdisch seicht zu sein.“. Toll, das hatte gesessen. Schon wieder hatte es jemand geschafft, dass ich mich wie eine blöde, kleine Göre fühlte. Schon hatte ich keine Lust mehr auf eine Konversation mit Herrn Mark, blöder Kerl, für wen hält der sich denn? Ich weiß nicht, ob ihm das aufgefallen war, aber ich denke mal dass schon, denn mein Gesicht spricht Bände, selbst, wenn ich versuche mein Gesicht zum Verstummen zu bringen, keine Chance. Trotzdem sagte er: „Was machen Sie denn sonst so, wenn Sie nicht gerade halb auf dem Gehweg sitzen, Kakao schlürfen und einen Frauenroman lesen?“. So, wie er es sagte, fühlte ich mich auch nicht besser. Das war ich also für Außenstehende, ein infantiles Mädchen, dass an einem Samstagnachmittag nichts Besseres zu tun hat, als alleine in einem Café zu sitzen und sich von fremden Männern anquatschen zu lassen. Oje, sah ich etwa so aus, als sei ich auf der Suche? Oh bitte nicht! „Ich studiere“, brachte ich schnell heraus, zu schnell vielleicht, denn er schmunzelte als sei ihm klar, dass ich gerade versuchte, meinen Ruf zu retten. „So, Sie studieren? Was denn?“. Sprache und Literatur, so lautete meine gängige Antwort auf diese Frage, um es schnell verständlich zu machen. Aber daran dachte ich ja nicht einmal im Traum, es diesem Kerl jetzt noch so leicht zu machen: „Italienische Philologie im Hauptfach und neuere deutsche Literatur und Komparatistik als Nebenfächer.“, tönte ich und war mir sicher, die Folgefrage würde lauten: Was ist das denn? Philologie? Philosophie sagt mir ja noch was, aber Philologie? Und was ist Kompa.. Kompa.. Wie war das noch gleich? Ich bereitete mich schon auf meinen intellektuellen Siegeszug vor und setzte mich ganz aufrecht hin als er sagte: „Ah ja, sehr schön! Kommen Sie denn aus Italien?“, verflixt! Hatte er nicht zugehört? Phi-lo-lo-gie! Wusste er etwa, was es damit auf sich hatte? „Ja, meine Eltern kommen aus Italien. Und Sie so?“, brachte ich umgangssprachlich heraus, ein Frevel für eine Sprachwissenschaftlerin die gerade versucht, ihren Kitschromanen-Ruf zu verbessern.. „Ich komme aus Deutschland. Habe aber ein Jahr lang in Italien studiert, in Turin, vielleicht sagt Ihnen das ja was?“, und grinste mich breit an. Nun war es um mich geschehen – Ich war auf 180. Was bildete sich dieser Schnösel überhaupt ein? Ob ich Turin kennen würde? Also warf ich jegliche Resthöflichkeit über Bord: „Ja, schon mal von gehört. War selbst vor einigen Jahren dort, schöne Stadt.“, und griff mein Buch wieder auf und vergrub meine Nase so tief darin wie es nur möglich war. Ich konnte nur hoffen, dass der Wink ankam und er mich fortan in Ruhe weiter lesen ließ.

Aber ich hatte die Rechnung ohne seine Aufdringlichkeit gemacht: „Wollen Sie sich nicht zu mir setzen? Dann müssen wir nicht über zwei Tische reden.“, flapsig drehte ich mich um und konterte: „Schon, aber dann wird es für mich umso schwieriger, Ihnen aus dem Weg zu gehen um das Gespräch zu vermeiden.“. Doch, das hatte gesessen. Er schaute leicht entgeistert und ich genoss es so richtig dabei zuzuschauen, wie ihm sein blödes Grinsen aus dem Gesicht fiel. Tja, kleines Mädchen aber große Klappe, dachte ich und ein Schmunzeln drängte sich auf meine Lippen und breitete sich leicht auf meinem Gesicht aus. Leider schien Herr Mark das zu bemerken, denn daraufhin stand er auf mit Sack und Pack und rückte seinen Sessel zu meinem Tisch. Dann holte er die Zeitschrift und seinen Kaffee dazu und machte es sich gemütlich. Ich verfolgte den Vorgang und konnte gar nicht reagieren, wie erstarrt saß ich in meinem, bis dahin noch gemütlichen, Sessel und starrte und starrte. Er ließ sich in seinen Sessel plumpsen, beugte sich nach vorn und sagte: „Und, was machen wir heute noch?“. Wie bitte? Was hatte der denn gefrühstückt? Halluzinogene, Opiate oder eine Katze die ihm seine Synapsen zerkratzt hatte? Diesen Gedanken behielt ich lieber für mich, haben Magen und Gehirn auch nicht diese Art von Verbindung, nee, am Ende würde ich eh wieder wie die Blöde vom Dienst dasitzen. „Wie bitte?“, entgegnete ich ihm. Und er:„Ich wollte wissen, was wir heute noch machen..“, ja danke, das hatte ich dann doch verstanden, Wörter decodieren, das ist mein Beruf Schätzelein. „Ach so, das hatte ich nicht verstanden. Ja, was möchten Sie denn noch unternehmen, Herr Mark? Schwebt Ihnen etwas Bestimmtes vor?“. „Ich dachte heute Morgen ja noch an Kino, das Wetter ist ja scheußlich momentan, aber trotzdem bin ich froh, mich für das Café entschieden zu haben.“, ja er hatte verstanden, dass Beliebtheit genau so geht. „Und jetzt wollen Sie nicht mehr ins Kino?“, „Nein, jetzt nicht mehr. Wissen Sie, Frau Jessica, im Kino lässt es sich so schwer reden.“, „So, worüber möchten Sie denn reden? Aktien, Fusionen, Oligopole?“, ja, und damit hatte ich auch schon all meine wirtschaftlichen Begriffe auf den Tisch geknallt, die ich kannte. Hoffentlich ging er nicht weiter darauf ein, sonst müsste ich doch noch flüchten. Er fing an zu lachen und versicherte mir, er wolle über alles reden, nur bitte nicht über Wirtschaft. „Ah, lassen Sie mich raten, die Zeitschrift haben Sie vom Tresen weil Sie etwas lesen wollten es aber nichts Passendes für Sie gab?“, vermutete ich sicher, „Nein“, lachte er zurück und ich hoffte er ließ das Lachen bald sein, denn das trug gar nicht zu meinem Wohlbefinden bei, „Aber zugegeben, es gab nur einen Artikel, der mich wirklich interessierte und mit dem bin ich schon fast durch.“, oh, dieser Kerl hatte wirklich keine Ahnung von Frauen. Ich war also gerade zum Lückenbüßer seiner Langeweile avanciert, und wäre dann doch lieber die Unbekannte von Tisch drei geblieben, leider habe ich nicht oft die Wahl. „Ach so ist das. Ihnen ist langweilig, Herr Mark?“, und hoffte dass er nun verstand, dass ich auch nur ein Mädchen bin und so etwas wie Gefühle habe. „Langeweile würde ich das nicht nennen, aber Ihre Bekanntschaft zu machen schien mir tausend Mal spannender als einen Artikel zu lesen, den es morgen auch noch gibt.“, ah, jetzt hatte er es verstanden und damit gepunktet. Wir Frauen sind aber auch leicht gestrickt. „Da kann ich Ihnen nur zustimmen, hätte ich an Ihrer Stelle wohl genauso gemacht, hätte ich mich hier sitzen sehen.“, und wieder war seine Reaktion ein tiefes Lachen: „Sie sind von sich überzeugt, das mag ich!“, „Ich sitze hier schließlich alleine mit einem Buch im Café, denken Sie, das würde und könnte jemand machen, der sich selber nicht mag?“, „Wohl eher nicht“, stimmte er zu. „Also, was machen wir heute noch?“, fragte er erneut und ich befürchtete allmählich, dass seine Festplatte hängengeblieben war und sich unter seinen Klamotten ein Maschineninnenleben verbarg. Jetzt bemerkte ich erst, wie perfekt seine Gesichtszüge waren, er musste ein Cyborg sein, redete ich mir ein, und nahm mir damit auch gleichzeitig die Angst, von einem fremden Mann entführt zu werden, denn einen Nachmittag mit einem Cyborg hatte ich noch nie erlebt und das könnte eine Erfahrung wert sein. „Kino haben wir ja schon ausgeschlossen, weil wir lieber reden möchten. Was schwebt uns denn sonst so vor?“, konterte ich leicht amüsiert. Da saßen wir nun, zwei wildfremde Menschen die über ihre Tagesgestaltung sprachen ohne zu wissen, was der andere überhaupt mochte. „Ich bin dafür, dass wir die Location wechseln, weiter unten gibt es ein nettes Café in der eine Ausstellung eingebaut ist, vielleicht wäre das ja was für uns.“, sagte er ganz schön selbstbewusst. Ich hatte begriffen, dass er sich so schnell nicht abwimmeln lassen würde, andererseits hatte ich nichts Besseres zu tun und lesen konnte ich später immer noch. Außerdem wusste ich noch gar nicht, in welche Kategorie ich diesen Mark stecken sollte, zu schnell wechselte er von Nervensäge zu Unwiderstehlich, also gab ich uns die Chance, ihn noch als Nervensäge zu entlarven und stimmte zu. Dass ich keine Anglizismen mag, würde ich ihm später auch noch sagen.

Ein schwammiger Tag

Es gab da mal einen grünen Schwamm, der wurde nach viel zu langer Wartezeit im Supermarktregal von einem jungen Pärchen mit nach Hause genommen. Seine zwei Freunde, mit denen er seit Verlassen der Fabrik eine Verpackung geteilt hatte, freuten sich riesig auf ein neues zu Hause und darauf, endlich dem Karton zu entkommen: „Mal wieder die Arme so richtig ausstrecken, das fände ich toll!“, sagte der Erste und der Zweite übernahm das Wort, indem er sagte: „und sich die Ecken und Kanten mal wieder zu kratzen, das fände ich total toll!“, und der kleine Schwann mischte sich auch in das Gespräch ein und sagte: „Au ja, mal wieder auf der weichen Bauchlage liegen statt immer im Stehen auszuharren, darauf freue ich mich ja am meisten!“. Nun war das Schweigen mehr als nur gebrochen und die drei Schwämme redeten alle durcheinander und malten sich ihr neues zu Hause aus, zwischendurch überlegten sie auch, dass sie vielleicht noch auf den einen oder anderen Bekannten treffen könnten, hiermit war ihre Vorfreude nicht mehr zu brechen und sie quatschten wild durcheinander bis die Einkauftüte abgesetzt wurde – gespanntes Schweigen.

Das erste was sie sahen, war ein helldurchfluteter, weißer Raum mit einigen braunen Elementen. „Die Küche!“, schrie der erste und der zweite hinterher: „Schwammgott sei Dank! Unsere Gebete wurden erhört – wir kommen nicht ins Klo!“. Allgemeine Begeisterung breitete sich aus und der Dritte stimmte ein: „Hoffentlich trinken die Zwei Sojamilch, dann will ich immer die Gläser übernehmen! Und hoffentlich mögen sie rotes Fleisch, ui, nur wenn ich an das Bratenfett denke läuft mir der Schaum im Munde zusammen! Meint ihr.. ja, meint ihr, die mögen sowas?“. „Ach Kleiner“, sagte der Zweite, „du hast in der Fabrik zu viel den Gesprächen von Peter gelauscht, woher willst du überhaupt wissen, ob Bratenfett etwas für dich ist?“. „Na, aus Erzählungen! Peter sagte ja: « Ein Schwamm müsste man sein, den ganzen Tag leckeres Bratenfett ablecken, na das ist doch mal ein Leben! » und seitdem ich das gehört habe, finde unser Leben gar nicht mehr erbärmlich. Nee, seitdem freue ich mir nur noch auf meinen ersten Einsatz, auf mein erstes Zusammentreffen mit dem Bratfett! Ich werde der beste Schwamm sein, den diese Familie je gesehen hat!“, tönte er laut.

Sein Einsatz kam schneller, als er schauen konnte. Erst wurden die anderen Einkäufe weg gepackt, dann die Reinigungsutensilien, gut sortiert kamen die Schwämme unter die Spüle neben den Fettlösern und dem Spülmittel. Schnell machten sie die Bekanntschaft mit den stählernden Topf-reinigern, doch bevor es richtig zum Kennenlernen kam, wurde der dritte Schwamm geschnappt und der Wasserhahn wurde aufgedreht. Mit einem „Jippieh!“ verließ der Schwamm die unterirdischen Gefilde unter der Spüle und wärmte sich schon mal für seinen ersten Einsatz auf: „links, zwo, drei, vier.. links, zwo, drei, vier!“. Aus der Vogelperspektive vernahm er bereits eine braune, dicke Suppe.. „Das könnten Pilze sein..“, dachte er leise in sich hinein, „Pilze und vielleicht.. Bratensoße!? Sieht so Bratensoße aus?“. Da er der beste Schwamm sein wollte, wie vorher groß angekündigt, öffnete er daher seine Poren um wirklich alles, aber wirklich alles, entfernen zu können. Kurz unters Wasser gehalten merkte er, wie er schwerer wurde, und ohne sich auf diese Veränderung einstellen zu können machte er auch schon die Bekanntschaft mit dem Spüli, blau und gutriechend, wurde er damit eingeseift, sodass er Bläschen spuckte. Auch darauf konnte er sich kaum vorbereiten, wieder öffnete er seine Poren denn nun ging es geradewegs auf den Topf zu: „Ich bin ein kleiner, grüner, Superschwamm.. Ich bin ein kleiner, grüner, Superschwamm.. Ich bin ein klei…!“, schon war er mitten in der Suppe gelandet und wischte sich von Pilz zu Pilz, von Soße zu Soße.. Aber irgendwie war alles anders als in seiner Theorie: Die Suppe war viel dicker als erwartet, und diese Fäden die sie zog wickelten sich um ihn als sei er in Gefangenschaft genommen worden. Durch das wischen zeigte sich nun eine zweite Lage unter den Pilzen, „Ganz schön weiß für eine Bratensoße..“, dachte er sich während er wischte und weiter die Poren öffnete um allen Schmutz in sich aufzunehmen. An dieser Stelle vernahm er einen lauten Schrei, die Dame des Hauses hatte wohl etwas entdeckt, dass ihr so gar nicht gefiel.. Sie ließ ihn abrupt aus der Hand fallen und bekam Tränen in den Augen. „Ha!“, dachte sich unser kleiner, grüner Held, „Sie ist bestimmt gerührt weil ich direkt an meinem ersten Arbeitstag so eine tolle Arbeit mache! Ja, ich war schon ziemlich günstig, dafür, dass ich so vieles kann. Was freue ich mich, meinen Freunden davon zu erzählen! Die werden staunen!“.
Ehe er diesen Gedanken zu Ende führen konnte, kam er unter heißes Wasser und plötzlich hatte er das Gefühl, als würde er nun selber geschrubbt werden. Er ließ diese Prozedur über sich ergehen mit dem festen Vorhaben, seine Freunde und auch die bekannten Topfreiniger später zu fragen, was es damit wohl auf sich hatte.

Nach einer gefühlten halben Ewigkeit wurde die Tür zum Spülensouterrain geöffnet und der kleine Schwamm, der wohltuend nach Spüli roch, kam in die Nähe der anderen Schwämme aber eben nicht direkt zu ihnen. Aus einer kleinen Schublade heraus fragte er die anderen: „Hey, Freunde, ich hatte gerade meinen ersten Einsatz, total toll da draußen, müsst ihr auch mal versuchen! Obwohl es doch anders war als gedacht, hey, Nummer 1, du hattest Recht, diese Bratensoße ist ziemlich komisch und gar nicht so toll, wie sie sich bei Peter anhörte..“, da verzogen die alteingesessenen Topfreiniger die stählernen Mundwinkel und sagten: „Wie, welche Bratensoße denn? Das hätten wir doch mitbekommen wenn da..“, Stille. Ganz besorgt tauschten die Topfreiniger nun einige Blicke miteinander und kamen schweigend zu dem Schluss, die neuen Schwämme über diverse Begebenheiten zu unterrichten: „Nummer 3, so heißt du doch.. Also pass auf, du musst jetzt ganz tapfer sein! Den Einsatz, den du gerade oben hattest, das war wohl kein normaler. Denn Bratensoße gab es in diesem Haus bestimmt seit einer Woche nicht.. Wir denken daher, dass du nun infiziert bist, weswegen du nicht zu uns in Körbchen gesteckt, sondern oben in die Schublade kamst. Du..“, da unterbrach ihn der Schwamm und stieß empor: „Wie? Infiziert? Womit? Was heißt das jetzt?“. Da antwortete der Schwammälteste: „Wir denken, du wurdest ausversehen zum Schimmelreinigen eingesetzt und wenn du nicht die Poren ganz fest verschlossen hast, dann wirst du wohl Schimmelsporen abbekommen haben. Hast du..?“, fragte er ihn mit großen, besorgten Augen. „Nein, das habe ich nicht.. Ich wollte doch an meinem ersten Tag glänzen..“.

Die Tage des Schwammes waren von nun an gezählt. Schlimmer, als dieses Todesurteil empfand er aber die Ablehnung seiner Freunde, die von nun an nichts mehr mit ihm zu tun haben wollten aus Angst, sich infizieren zu können. So führte der kleine, grüne Schwamm seine letzten Tage alleine in der Schublade mit seinen Gedanken und mit der Frage, was er nächstes Mal wohl besser machen könnte.

Hallo Juli!

Mensch, wo kommst du denn plötzlich her? Ich kann es gar nicht glauben, ist denn wirklich schon ein ganzes Jahr vergangen, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben? Echt? Unfassbar, wie die Zeit vergeht. Aber schön, dich wieder zu sehen! Ich mein, letztes Mal, da war ich noch in Florenz. Zugegeben, da hatte ich mich gar nicht auf dich gefreut, sollte ich doch am Anfang des Monats zurück nach Deutschland und so recht wollte ich ja gar nicht. Ehrlich gesagt kommst du mir auch dieses Jahr ein wenig ungünstig um die Ecke – Du weißt schon, dass ich bin Ende des Monats „fertig studiert“ haben muss, nicht!? Ach, du weißt das? Ja, wieso hast du dir denn dann nicht noch ein wenig Zeit mit deinem Besuch gelassen, du weißt doch, dass ich alle Hände und den einen Kopf voll zu tun habe. Wie, der Juni ist schuld? Wieso das denn? Ach, der wollte keine Überstunden machen? Ich finde ja, dann hätte der das ruhig mal mit Februar abklären sollen, der macht ja immer Unterstunden, da hätte man vielleicht noch was drehen können. Nein, nein, jetzt bist du hier und das ist ok so, würde dich doch niemals nach Hause schicken, hast du doch diese lange Reise hinter dich gebracht. Nein, setz dich, ich mache uns einen Kaffee. Wie, du magst keinen Kaffee trinken? Du musst heute früh schlafen gehen? Na sag mal, wird dadurch der Monat nicht noch kürzer? Hast du mir denn nicht zugehört? Ich brauche mehr Zeit! Wie, das ist dir egal und du machst nur deine Arbeit? Ok, dann setz dich hin, ja, ich dränge dich nicht.. komm, wir quatschen ein wenig.. Das Seil? Ja, ich wollte kurz was am Fenster befestigen, daher das Seil, kannst du mir kurz mit dem Knoten helfen? Schau, ich binde dir das kurz um sie Handgelenke, da kommen immer starke Knoten bei raus. Nein, keine Sorge, das bakomme ich wieder ab, muss ja nur die Schlaufe und den Knoten vormachen, sonst hält das nicht und.. Ha! Da schaust du jetzt blöd, wie!? Und den Kaffee, den führe ich dir nun intravenös ein damit du mir ja nicht noch mehr Zeit stiehlst! Früh schlafen, pfff.. Hilf mir gefälligst sonst wird der August dich gar nicht mehr zu Gesicht bekommen, Harr Harr Harr.

Tag 5 – A song that reminds you of someone

Das ist wohl das schönste an der Musik: Sie lässt keine Vergänglichkeit zu, erhält die Erinnerung an geliebten Menschen, auch wenn diese nicht mehr unter uns weilen, in der Musik werden sie stets weiter leben.

Giacomo Rondinella – Malefemmena (1951)

http://www.youtube.com/watch?v=UIioOD-rRec

Der italienische Komiker Totò komponierte einst dieses Lied in neapolitanischem Dialekt, nachdem ihn die Schauspielerin Silvana Pampanini abserviert hatte, und wenn Komiker leiden ist schnell Schluss mit lustig! So heißt es u.a. in seiner canzone: „Hättest du das, was du mir angetan hast, einem anderen angetan, er hätte dich umgebracht!“.  Es geht um verschmähte Liebe.

Nun, etymologisch betrachtet, beschreibt der Begriff der Malafemmena (italienisch: Mala femmina = schlechte Frau) am Anfang des 19. Und im neapolitanischen Theater eine untreue Frau, aber auch eine Prostituierte oder Tänzerin, die bevorzugt junge Männer aus gutem Hause verführt. Erst durch das Lied von Totò wurde dieser Begriff positiv konnotiert und beschrieb fortan den Stereotyp Frau, die schwer zu haben, unerreichbar und unantastbar ist. Die Frau, die unwissend ihrem Verehrer Schmerzen zufügt, weil sie seine Liebe nicht erwidert, er aber alles tut, um sie zu haben.

Die FAZ schrieb dazu: „(…)Lieder die normalerweise nur von mehr oder weniger gestandenen Männern gesungen werden. Von Männern, die ihre zarten Seiten nur in schlechten Zeiten zeigen, und zwar genau dann, wenn sowieso alles schon verloren ist. Wenn längst schon nur noch die Ausweglosigkeit den Verstand regiert und die ungestillte Sehnsucht den allerletzten Nerv seziert.“.

Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind oft meinem Vater lauschte, wie er lautstark Malafemmena mitsang, ich aber nicht verstand, was es mit dieser schlechten Frau auf sich hatte und wieso es ein schönes Lied sein sollte. Nun weiß ich, dass mein Vater damit meiner Mutter immer den Wink gab, seine große Liebe zu sein und dass sie in Liebesdingen immer die Macht über ihn haben würde, da es keine Zweite wie sie in seinem Leben geben würde.  Mein Vater war kein Mensch der vielen Worte, aber ein Romantiker steckte in ihm, und wenn er mal wieder nicht wusste, wie er sich entschuldigen sollte, schmetterte er Liebesopern von Pavarotti und Co. Als Heranwachsende habe ich all das nie gesehen, nie verstanden. Doch desto mehr ich mich mit seiner Musik beschäftige, umso mehr verstehe ich sein Wesen, und dafür danke ich der Musik, dafür, dass sie ihn mir für immer lässt.

Auge um Auge,..

..Zahn um Zahn. So steht es in der Bibel, doch nun stellt sich aus aktuellem Anlass die Frage, ob das wirklich die höchste Moral ist.

Als die Nachricht über Osama Bin Ladens Tod um die Welt ging, sah man Bilder und Videos vom Ground Zero – Die Amerikaner feierten dort seinen Mord. Hier muss von einem Mord gesprochen werden, da der Gejagte wohl unbewaffnet war, so munkelt man zumindest, schließlich wurde auch schon häufiger vom angeblichen Tod Osamas berichtet, und es stimmte nie. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich schockiert war von den feierwütigen Massen. Seitdem stelle (nicht nur) ich mir die Frage: Darf man den Mord an einem Menschen feiern?

Zugegeben, zwei Tage nach dieser Nachricht schaute ich N-tv, dort lief eine Reportage über den 9/11. Mir kam die Erinnerung hoch, wie ich damals, vor gut 10 Jahren, vor dem Fernseher saß und nicht begreifen konnte, was ich dort sah. Ich war 16 und hatte keine Ahnung von nichts, aber dieses Bild wie ein Flugzeug in ein Hochhaus.. und der Rauch.. und die schreienden Menschen.. Ich dachte wirklich, es sei ein groß angelegter Trailer für einen Action-Film gezeichnet Hollywood. So unwirklich sah das aus! Und ich zappte, und überall lief der gleiche Film. Es hat wirklich lange gedauert, bis ich begriffen hatte, dass es Live-Bilder aus NY waren. Und ich konnte und wollte es nicht fassen. Plötzlich konnte ich meine Tränen nicht unterdrücken, zu grausam war das, was sich meinen Augen bot.

Gut 10 Jahre sind diese Erinnerungen her, und dann die Nachricht über Osamas Tod, und trotzdem sah es falsch aus! Ich war wirklich wütend als ich sah, wie in NY gefeiert wurde und dachte mir: Das könnte Rache geben! Dann kam 2 Tage später die eben erwähnte Reportage und plötzlich war die Wut von vor 10 Jahren wieder da und mir fiel ein, wie ich damals dafür gebetet hatte, dass der Verantwortliche dieser Tat bitter büßen müsste! Damals hatte ich ganz viele schlimme Gedanken und Überlegungen, wie eine gerechte Strafe wohl aussehen könnte und plötzlich waren diese Gedanken wieder da. Ich sah wieder, wie sich verzweifelte Menschen aus dem Fenster fallen lassen, manche brennend, ich hörte wieder das Chaos und die Schreie, fühlte förmlich die Verzweiflung und die Angst der Menschen und erwischte mich dabei wie ich dachte: „Gott sei Dank ist dieses Monster tot!“.

Einen Tag später tat mir dieser Gedanke schon wieder leid, scheint es doch so, als wäre er wirklich ermordet worden ohne den Versuch zu unternehmen, ihn in Gefangenschaft zu nehmen. Ich habe, zumindest für mich selbst, eine Antwort gefunden: Durch diesen Mord haben sich einige Menschen auf ein extremistisches Niveau herabgelassen, dass es doch eigentlich zu bekämpfen gilt. Und unmenschlich ist es auch, ja, in meinen Augen sogar unchristlich, obwohl es in der Bibel heißt: „Auge um Auge, Zahn um Zahn!“. Nein, die Amerikaner haben für mich ein falsches Statement abgegeben. Nun scheint es, als wollten sie nicht mehr die Extremisten und den Terror bekämpfen, sondern sich ihre Kampfart zu eigen machen und das ist der falsche Weg in die falsche Richtung.

Sonntagsgeflüster

Mal wieder viel zu früh wach, hatte ich so gar keine Lust, aus dem warmen Bettchen zu hüpfen. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, ich brauchte einen Kaffee. Noch im Schlafrausch füllte und bediente ich die Maschine, überlegte, ob ich Pläne für diesen langen Tag hatte, doch die erste Antwort lautete nein. So ging ich währenddessen duschen, die Maschine schaffte das ab jetzt auch ganz gut alleine, meine Synapsen brauchten eine Erfrischung. „Wie gut, dass ich mir den Tanz in den Mai verkniffen habe“, sagte ich vor mich her und stellte das Wasser auf semi-warm, oder semi-kalt, eine Frage der Perspektive. Unter der Dusche stimmte ich fröhlich Acapella von Kelis ein, schrubbte mir die toten Hautschüppchen von der Haut und sang mir die Seele aus dem Leib. Nach 5 Minuten und ewigen Wiederholungen des Refrains später, fühlte ich mich wach. Der Kaffee müsste bald fertig sein, ich bereitete also schon mal eine Tasse vor, legte zwei Würfelzucker hinein und stellte schon mal die kalte Milch aus dem Kühlschrank raus. Noch mit dem Handtuchturban auf dem Kopf und im Bademantel stellte ich mich mit meinem Kaffee in der Hand ans Fenster. „Welch ein tolles Wetter heute! Ich sollte mir ein Buch schnappen und in den Schlossgarten gehen!“, stellte ich fest. Ich schien ganz vergessen zu haben, dass der Tanz in den Mai nicht die einzige Tradition ist, die zum Übergang vom April in den Mai liebevoll behandelt wird. Und die bunten Bänder, die ich aus dem Augenwinkel wahrnahm, schienen mich nicht weiter abzulenken, bis ich mir die Mühe machte, mal genauer hin zu schauen. „Ein Maibaum!!“, stieß ich empor. „Für mich?“, und rieb mir dabei ungläubig die Augen. Wie hatte es jemand geschafft, den an meinem Fenster ins Vierte Stock zu befördern? Ein Ding der Unmöglichkeit! Aber da war er, festgebunden und wedelnd im Wind und trug meine Initialen SP, das war eindeutig meiner!!

Damit hatte ich gar nicht gerechnet, und so wurde aus dem viel zu langen Sonntag ein viel zu kurzer Tag, um herauszufinden, wer der Aufsteller war.