Sonntagsgeflüster und Mädchenrosa

Ich betrat um kurz nach zwölf das Café und ging hindurch zur großen Außenterrasse im Innenhof. Stef saß bereits mit ihrer Longchamp Tasche auf dem Schoß an dem kleinen Tisch neben dem Rosenbogen, „sehr romantisch, dieser Brunch mit der besten Freundin“, hörte ich mich denken.

„Wartest du schon lange?“, ging ich auf sie zu, „Ich bin keine ganze Minute zu spät.“.
„Nee Mäuschen, stess` dir mal nicht so den Kopf voll um diese Uhrzeit. Bin just gekommen, so vor zwei Minuten vielleicht. Setz` dich mal hin, ich hab schon Milchkaffee für uns bestellt und frisch gepressten O-Saft, du, wir lassen es uns heute gut gehen, ja!?“.
„Klar, wir lassen es uns doch immer gut gehen! Was ist denn am Wochenende passiert? Irgendwas Neues von der Familienfront? Oder von der anderen Front?“.
„Nee, weder noch. Also Stefan soll neulich erst geschrieben haben, an der Front geht es wohl voran. Naja, ich hab`s selbst noch nicht gelesen, Oma erzählte mir davon. Naja, die Sandra tut mir halt so leid, grad ein Jahr verheiratet und naja, wer hätte schon mit so was rechnen können. Plötzlich wird der Stefan hier weg geschickt, naja, bald soll der ja mal für eine Woche wieder nach Hause kommen. Aber Themenwechsel, was gab es denn bei dir am Wochenende?“.

Ich war noch schwer in Gedanken an der Front und dachte über diese Umstände nach, schrecklich, da fiel es mir nicht leicht, meinen Kopf leer zu schütteln und auf diese vergleichbar sehr banale Frage zu antworten. Doch ich wusste, dass es Stef auch weh tat darüber zu reden, allein, weil sie zu jenen Menschen gehören, die in ein unsagbares Loch fallen wenn sie Probleme und Leid erkennen und doch nichts dagegen tun können. Also antwortete ich ihr mit Verspätung:

„Nichts Besonderes. Hm, nein, wirklich nichts worüber es sich zu reden lohnt.“
„Ach komm, du, mach es nicht spannend! Laurie rief mich gestern Abend noch an und meinte, dich am Vormittag etwas zerzaust getroffen zu haben. Sie war sich nicht sicher, spekulierte aber unbeschwert über eine neue Romanze. Komm, mach es doch nicht so spannend!“
„Diese Tratschtante! Das ist unfassbar!“

Ich wusste, dass ich mich übertrieben aufregte, doch das gehörte alles zur Strategie. Sollte ich nämlich erneut mit einer solchen Tratscherei konfrontiert werden, und sollte es das nächste Mal vielleicht sogar stimmen, so ist die Tatsache, dass ich mich übertrieben aufrege recht unspektakulär. Manchmal muss man aber auch einfach darauf achten, was diese Weiber hinter einen nicht so alles aushecken..

„Ich war krank! Daher die Zerzaustheit!“, und betonte letzteres mit Finger-Gänsefüßchen. „Ich lag vier Tage lang fast durchgehend im Bett und als L mich gestern traf kam ich gerade von der Apotheke, meine Schmerzmittel waren ausgegangen und ich bin mürrisch losgezogen.“
„Ach du Arme, das tut mir leid! Was schlimmes?“, fragte sie liebevoll nach, bevor sie nach meinem halb unausgesprochenen „Nein..“ weiter fragte:
„Aber L war sich da gar nicht mal so unsicher.. Meinte, du hättest richtig gestrahlt, und du sagst mir jetzt, du wärst da krank gewesen. Naja, hab selten `ne strahlende Kranke erlebt, außer.. Süße! Du wirst wohl nicht..!“
Erst verstand ich nicht so richtig, aber dann:
„Ich glaub` ich spinn`! Sag mal, bist du irre? Ich hab noch nicht einmal gefrühstückt, da attackierst du schon meinen Magen. Also bitte, ich hatte lediglich eine Halsentzündung und eine Verspannung, nichts schlimmes. Am Donnerstag war ich beim Arzt, hab Antibiotika verschrieben bekommen und das Ibu hab ich dann noch so genommen weil die Schmerzen schon arg waren.“

Ich ratterte meine Entschuldigung runter als sei sie Eine und erinnerte mich dabei unfreiwillig an längst vergangene Jugendtage in denen ich für meine Mutter solche Rechtfertigungen im zwei Minuten Takt abspulen musste.

„Gestern konnte ich mich dann gerade noch so in meine Jeans zwängen und zur Apotheke schleichen um schnell die nächste Dröhnung zu bekommen“, ich musste lachen, doch die Mundwinkel verzogen sich ganz von alleine als ich wieder an die Ohrschmerzen zurück denken musste, „die ich ja dann auch bekommen habe zum Glück, danach war erst einmal schlummern angesagt, traumhaft!“
„ Ach so, na dann. Dann rufen wir gleich mal besser Laurie an und sagen Bescheid, dass sie ja noch keine Einladungen zur Verlobung raus schicken soll“, und zwinkerte mir mit einem überdimensionalen Lächeln zu. „Naja, kann ja mal passieren, ne Mäuschen? Dass man da was hinein interpretiert. Ha! Dabei warst du nur kurz Medis besorgen gegangen und wir denken schon, du hast den Mann fürs Leben getroffen! Nee, wie ulkig“.
„Ja“, erwiderte ich leicht schüchtern, „Kann ja mal passieren..“
„Kann ja mal passieren? Och Mäuschen, was glaubst du denn, mit wem du hier redest?“

Da saß sie also, meine beste Freundin, die gerade die Verwandlung zu meiner Mutter perfektionierte. Wenigstens wusste ich mit Gewissheit, dass sie mich nicht anschreien würde. Ich der Öffentlichkeit macht sie das nur ab einer gewissen Uhrzeit und ab einer gewissen Dunkelheit, am besten noch nach gewissen Drinks aber nicht hier im Café in der Mitte unseres Lebens-, Dreh- und Angelpunktes. Nein, das würde sie sich nicht wagen, also konnte ich getrost weiter zuhören.
„..du quatschst hier was von krank sein, und das glaube ich dir auch, und davon wie du in der Apotheke warst um neue Medis zu kaufen, was ich dir ja auch glaube, aber jetzt kommt es: Wer hat dich denn in der Apotheke bedient? Na? Wer?“, und dabei grinste sie breit über ihr Gesicht und schaute mich mit großen, fragenden Augen an, die doch nur auf eine Bestätigung warteten.
„Der.. Apotheker!?“, antwortete ich leicht verunsichert. Da sitze ich sonntags morgens im Café mit meiner Besten und muss mich doch fühlen, wie kurz vor einer mündlichen Prüfung.
„DER Apotheker? Mensch Mäuschen, jetzt lass dir noch nicht jede Kleinigkeit aus der Nase ziehen!“

Zu meinem Glück näherte sich die Bedienung mit unseren Getränken. Das finde ich jedes Mal aufs Neue erstaunlich wenn ich mit Stef und/oder Laurie unterwegs bin, es werden immer gleich tausend Getränke bestellt.

„Ein Latte Macchiato für Sie, ein Milchkaffee für Sie. So, ihr frisch gepresster Orangensaft kommt gleich, beim Wasser hatte ich vergessen zu fragen, welches Sie gerne hätten. Liebe stilles oder..“
„Wir nehmen eine große Flasche Acqua Panna mit zwei Gläsern, bitte.“, entgegnete ich ihr und hoffte, noch einen Grund zu finden, der sie dazu veranlasste, länger an unserem Tisch sitzen zu bleiben:
„Sagen Sie, wissen Sie zufällig, ob der Chef heute noch rein schaut?“, fragte ich sie spontan.
„Hm, Greg müsste später am Nachmittag mal kurz rein kommen, aber das ist nicht sicher. Ich meine verstanden zu haben, dass er sich heute noch mit dem Besitzer der Wunderbar treffen wollte. Kann ich ihm was ausrichten?“.
„Ähm, nein, danke.. Aber, sagen Sie mal, wieso trifft sich Greg denn mit dem Inhaber der Wunderbar? Der will doch nicht etwa verkaufen?“
„Doch, ich meine schon. Wenn Sie hier aus der Umgebung sind werden Sie wissen, wie begeht diese Café`s hier auf der Meile sind. Eigentlich findet kaum ein Besitzerwechsel statt, Sie können sich also vorstellen, wie interessiert Greg ist. Nun gut, ich schau mal, was der O-Saft macht.“

Stef schubste mich grob mit ihrem spitzen Ellenbogen an: „Lenk nicht vom Thema ab! Erzähl mir vom Apotheker! Oder soll ich Laurie dazu holen?“
„Nein, nein, ich erzähle ja schon.. Aber du, erinnerst du dich noch an diesen komischen Mark von dem ich dir neulich erzählte?“
„Wieso? Hat der sich jetzt etwa als neuer Apotheker entpuppt?“
„Nein“, lachte ich laut bei diesem Gedanken, Herr Mark könnte Apotheker sein. Niemals. „Aber ich hatte mich doch gefragt, was der mit dem Geschäftsführer der Wunderbar zu bequatschen hatte und naja, vielleicht ist er ja Gastronom und will sich hier in unsere Meile einkaufen..“
„Würde das denn etwas ändern? So schnell wie du von diesem Rendezvous geflohen bist würde ich jetzt meinen, du rufst Greg an und bittest ihn, auf jeden Fall den Laden zu übernehmen damit sich dieser Schmierling hier nicht einnistet!“
„Rendezvous? Hab ich da was verpasst? Du und Laurie seht neuerdings doch hinter jedem flüchtigen Treffen und jedem lapidaren Apothekenbesuch direkt die große Liebe und den richtigen Mann. Also wirklich.. Und ich dachte, das würde ein erholsamer Sonntagmorgen werden..“
„Sonntagmorgen um halb 1, da erwartest du wirklich zu viel von mir, der Zeitrechnung und dem Rest der Welt“, und lachte dabei ihr zauberhaftestes, mädchenhaftes Lachen, als hätte sie gerade das Rad neu erfunden und würde sich nun über ihre neu entdeckten Fähigkeiten freuen.
„Ok, um es kurz zu machen: Der Apotheker ist nach wie vor ein Leckerchen, das ist nicht von der Hand zu weisen. Aber ehrlich, ich war neulich zu ungeschminkt und mein Schädel war zu dick um irgendeinen Flirtversuch auch nur zu wagen. Also nein, da war nichts. Außer diesem einen Blick, aber das fällt mir erst jetzt ein, da wir darüber reden..“
„Siehst du! Und darum ist es so wichtig, sich mitzuteilen! Wie war denn der Blick?“
„Naja, er schaute so auf die Packung Ibuprofen runter und hob dann nur die Augen zu mir hoch und fragte mich, ob er mir nochmal aufschreiben soll wie oft ich welche nehmen darf..“
„Und? Hat er? Was hast du gesagt?“
„Mensch Stef, da war nichts! Ich musste lachen und meinte, dass ich bestimmt noch selbstständig in der Lage wäre, mir zu Hause den Beipackzettel durchzulesen.“
„Du und deine grobe Art! So lernst du doch nie jemanden kennen!“
„Was? Grob? Wieso das denn jetzt? Sieh es als Anmerkung dafür, dass ich lesen kann, das sollte einen Mann doch imponieren..!“
„Nein, so geht das nicht. Du hast das Signal nicht gesehen, das war aber klar, du bist blind für sowas. Was, wenn er dir seine Nummer aufgeschrieben hätte? Was, wenn er ein Treffpunkt darauf notieren wollte? Oder eine kleine Nachricht? Sowas wie: Du süße, kranke Maus gehst mir einfach nicht mehr aus dem Kopf.. Ich bin schon voll auf Aspirin, weil du nachts durch meinen Kopf gehst? Oder: Darf ich dich mal mit Antibiotika füttern?“
„Haha, Stef! Du hast den schönsten Schaden der Welt!“, dabei knallte ich ihr einen Amarettokeks gegen den Kopf, „Du hast vielleicht romantische Vorstellungen! Ich sag`s dir, da ist nichts, zumindest nicht von seiner Seite. Glaubst du wirklich, dass er scharf darauf ist, dass ich chronische Leiden habe und in meinem Alter schon eine Apotheken-Flatrate habe? Ich denke eher, dass der Job gut ist, um kranke von gesunden Mäusen auszufiltern. Wieso sollte er sich bitte in jemanden verknallen, der Dauerkrank ist? Nee, wirklich nicht.“, und dabei seufzte ich etwas zu offensichtlich enttäuscht. Der Apotheker hatte es mir nämlich wirklich angetan, obwohl er so gar nicht meinem Typen entsprach.

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