Und plötzlich..

..war er da. Ganz unverhofft und unangemeldet schellte es an ihrer Wohnungstür, es war schon spät: „Wer kann das sein?“, fragte sie sich selbst. Sie nahm den Hörer ab: „Hallo?“. „Hallo! Ähm, ja, hey! Ähm, schön, dass du zu Hause bist!“. Er war es. Die Gegensprechanlage war zwar was älter, aber seine Stimme würde sie in tausend Jahren wieder erkennen. Er war dort, bei ihr.
„Hey, also.. ja, magst du hoch kommen?“.
„Gerne!“.
Sie drückte den Knopf, das Summen klang durch den Hörer. Er war im Haus. Doch bis er vor ihrem Appartement stehen würde, blieben ihr noch höchstens zwei Minuten. Aber für eine Frau ist das keine Zeit. Sie huschte schnell zum Spiegel, wenigstens konnte sie noch kurz ihr Äußeres überprüfen, schließlich waren seit ihrem letzten Wiedersehen bestimmt zwei Jahre vergangen. Ob er merken würde, dass sie erste Fältchen bekommen hatte? Würde ihm ihre neue Frisur gefallen? Sonst mochte er immer lange Haare, das hatte sie gewusst. Damals, als sie noch zusammen waren, trug sie die Haare auch noch lang, und er war nie müde geworden, ihr zu sagen, wie sehr er es liebte, wenn seine Frau die Haare offen trug. “Heute sind sie kürzer als damals“, dachte sie, „aber immer noch recht lang!“. Sie erwischte sich dabei, wie ihr ein Lächeln über das Gesicht flog, als hätte sie nun die Gewissheit, ihm trotz der neugewonnenen Alterserscheinungen, immer noch gefallen zu können.
Es klopfte, und ihr Herz stimmte mit ein.
„Hallo! Hey! Komm rein!“, sagte sie und wurde das blöde Gefühl nicht los, feuerrot angelaufen zu sein. Wieso konnte sie in solchen Augenblicken nur nicht so cool bleiben wie er.
„Hey! Mensch, ich hoffe ich störe nicht! Ich..“.
„Nein, quatsch! Komm rein, ich freu mich total, dass du hier bist! Magst du was trinken? Wasser, Tee oder auch Kaffee? Also ich reagiere da ja schlecht drauf, kann dann die ganze Nacht nicht..“
„Ja, ich weiß!“, und er lachte aus voller Kehle, als hätte sie etwas Witziges gesagt. Sie fragte sich, ob das Teil seiner Aufregung war. Vielleicht war er ja auch nicht so cool, wie er tat. „Als hätte ich das vergessen! Weißt du noch, damals, da waren wir abends bei Jenny zu Hause und sie hatte noch Kaffee gemacht und der war auch lecker und alles gut, aber Mann bist du mir dann zu Hause auf den Keks gegangen weil du nicht einschlafen konntest!“, und er lachte fröhlich weiter, die Erinnerung hatte ihn vollkommen eingenommen und so sprudelte er weiter: „Du konntest noch nie gut alleine wach sein. Also hast du mich die ganze Nacht mit wach gehalten, obwohl ich sehr wohl hätte schlafen können, weißt du noch?“. Und plötzlich war er da, dieser vertraute Blick, wie er sie damals schon angeschaut hatte, wenn sie über ihre gemeinsame Zukunft geredet hatten. Und nun bekam er den gleichen Blick, wenn er über ihre gemeinsame Vergangenheit sprach. „Ja, ich weiß, ich weiß. Es war eine Horror-Nacht. Aber darf ich das jetzt als ‚ja‘ verstehen? Kaffee?“, sagte sie leicht verlegen. Sie mochte es nicht, wenn sie sich nach all der Zeit wieder sahen und er direkt die Verknüpfung zu intimen Momenten zwischen ihnen herstellte.
„Nur, wenn du auch einen trinkst.“, antwortete er mit einem Zwinkern. Er wusste genau, dass er einen ihrer wunden Punkte getroffen hatte, denn nur die wenigsten Dinge passieren aus purem Zufall. Aber das musste sie ja nicht wissen. Nicht jetzt.
„Sag mal, wie lange bleibst du denn diesmal?“, fragte sie, und dabei wurde ihre Stimme fast schon lyrisch hoch. Er bemerkte es auch: „Nur bis morgen Nachmittag, daher der Spontanbesuch um die späte Stunde. Ich störe wirklich nicht?“.
„Ach quatsch, jetzt hör schon auf. Erst tauchst du hier einfach so auf mit dem Vorwissen, du könntest vielleicht stören, scherst dich aber nicht darum und nun dieses Höflichkeitsgeplänkel! Also ehrlich, du hast dich gar nicht geändert!“.
„Stimmt, aber du scheinbar auch nicht. Bist immer noch so leicht aus der Ruhe zu bringen wie damals, wie?“, und warf ihr dabei eines seiner unwiderstehlichen Lächeln zu.
Während sie den Kaffee aufbrühte und versuchte, ihr Herz unter Kontrolle zu bringen, überkam sie ein Gefühl, von dem sie nur hoffen konnte, dass es sich irrte. Doch es kam ihr selber unrealistisch vor. Heute Nacht würde etwas passieren, wie sollten sie sonst die Stunden der Wachheit überstehen.

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