Ein Morgen am Meer

Ich schaute hinüber zum Horizont mit der bestimmten Gewissheit, etwas Land entdecken zu können, wenn ich nur ganz genau hinschaute. So kniff ich die Augen zusammen, als Schutz vor der hellen Sonne die scheinbar nicht zulassen wollte, dass ich Land zu sehen bekam. Irgendwann bildete ich mir ein, Griechenlands Küste sehen zu können. Vielleicht war es aber doch keine Einbildung.

Ich erinnere mich daran wie ich noch klein war und meine Nonna (italienisch für Oma) mit mir zum Strand runter ging. Im Gepäck hatte sie immer was Leckeres zu Essen, eine Tüte Saft und die besten Geschichten der Welt! Eines Morgens packte sie mich sogar recht früh ein, es muss 7 Uhr gewesen sein. Denn die Sonne war zwar schon da, aber auf den Straßen herrschte noch die nächtliche Ruhe, der Strand war Menschenleer und das Meer eine Tafel, kein Lüftchen regte sich, das Wasser blieb still. Die wenigen Wellen die das Ufer erreichten verschwammen im Sand, der Schaum blieb sogar ganz weg. Meine Nonna spannte den Sonnenschirm auf, legte eine Handtuch-Landschaft aus und bat mich, mein Sommerkleidchen auszuziehen. Sie hatte wohl nicht bemerkt, dass ich schon ganz aufgeregt im Badeanzug neben ihr stand und sie mit großen Augen anschaute die sagen wollten: „Darf ich ins Wasser? Darf ich?“. Natürlich durfte ich, dafür waren wir schließlich da. Aber das Wasser war bitterlich kalt, ich spielte ein wenig mit meinen Zehen und ließ sie sanft durch das kalte Nasse gleiten, wie weich das Wasser doch sein konnte. Ich entschied mich, Muscheln am Ufer zu sammeln und nach ihnen zu buddeln. Meine Nonna erzählte mir, nachdem ich verwundert nachfragte, wo denn die „Tiere“ seien, ich sollte da graben, wo kleine schwarze Löcher im Boden sind, das seien die Luftlöcher der Muscheln. Und sie hatte Recht, da versteckten sich auch schon die „Tiere“. Binnen weniger Minuten war mein Eimerchen dann voller Muscheln und Steinen und, ja, vom Wasser geschliffenes, Glas. Meine Oma bat mich zu sich, ob ihr nicht zeigen wollte, was ich denn so alles gefunden hätte, im heimischen Boden. Ich tippelte zu ihr mit dem Versuch, allen Sand am Boden zu lassen, aber das sollte nicht klappen. Wieso, erfuhr ich auch wenig später. Ich ließ mich auf eins der Handtücher plumpsen und kippte meinen Eimer aus, voller Enthusiasmus präsentierte ich die großen und die kleinen „Tiere“, und das weiße und das grüne Glas.. Als ich mit der Vorführung meiner Beute fertig war, verharrte mein Blick auf der geraden Linie des Horizonts. „Nonna, was ist hinter dem Wasser? Kommt da noch was?“. Mit einer Engelsgeduld erklärte sie mir, dass hinter der Linie ein anderes Land liegt, nämlich Griechenland. Und weiter sagte sie, dass wenn das Wetter richtig richtig gut und kein Wölkchen am Himmel sei, dann könnte man sogar die Küste Griechenlands erblicken. Damit hatte sie meine gesamte Aufmerksamkeit gewonnen. Hinter dieser Linie sollte also ein anderes, fremdes Land liegen. „Wow!“, dachte ich, „hoffentlich haben wir morgen richtig richtig gutes Wetter und keine Wolken am Himmel! Dann sehe ich Griechenland!“.

Seit dem Tag warte ich auf das richtige Wetter, auf die nicht vorhandenen Wolken, auf die klare Sicht aufs andere Ufer, das doch nicht das Ende der Welt bedeutet. Doch wenn ich meine Augen so wie jetzt zukniff, war ich sicher, es sehen zu können: Die Küste hinterm Horizont.

Die Schwelle

Nur noch wenige Minuten bis wir die Bühne betreten mussten, hektisch zogen sich die letzten Mädchen noch um, andere wischten aufgebracht ihren Schweiß weg, Kleenex und Tempos wurden zwischen Achseln und hautengen Bodys gelegt. An unseren Kostümen wurde wirklich nicht gespart, denn vom aufwendigen CanCan-Rock in den abgestuften Farben Frankreichs  bis hin zum grün samtigen Tangokleid war eine breite Auswahl getroffen worden um den Geschmack des Publikums zu entzücken. Und um die horrenden Mitgliedsgebühren zu rechtfertigen, dessen Aushängeschild wohl gerade die Kostüme darstellten sollten. Nur schade, dass gerade die Presse wohl niemals erfahren würde, dass die Cancan Röcke in den abgestuften Farben Frankreichs von uns Schülerinnen zusammen geflickt werden mussten. Oh ja, wir bekamen lediglich einige gebeutelte Stofffetzen überreicht, schwarz und eben in den Farben Frankreichs, und jede von uns 60 musste sich um ihren Rock kümmern. So übernahmen überladene Mütter aufwendige Nähaufgaben, andere wiederum arbeiteten hart um eine Näherin zu beauftragen. Aber heute würden wir nun alle im Lichte dieses Schweißes glänzen, auf der Bühne, auf den Brettern dieser Schule – in der Turnhalle. Ja, das war wirklich dumm gelaufen, die Aula konnten wir aufgrund des Brandschutzes leider nicht nutzen. Aber eine Bühne aus schwarzen, langen Tüchern und das Abkleben der riesigen Fensterfront der Halle trugen ja auch zu einem gewissen Flair bei. Und wir durften heute, nach all den Anstrengungen und Enttäuschungen, nun endlich strahlen, in der Dunkelheit der Bühne, dem schwarz-geklebten Hallenboden.

Die Letzten waren nun auch fertig und wie gerufen ging das hastige über-schminken los, unaufhörlich, bis in die letzten Mundwinkel und Lidfalten. Aufgepufft und aufgehusst ging es im leisen Ententanz hinter die Bühne. Einige atmeten laut ein, andere lauter aus. Und wie üblich ermahnte uns eine der Älteren, vor der Tür zur Bühne, mit einem gezischten Pssst, wir sollten leise sein. Tatsächlich blieben auch alle ruhig, jede war für sich, einige schauten schon böse wenn man sie nur mit dem Augenwinkel streifte. Keine wollte abgelenkt werden. Noch dröhnte die Musik des Vortanzes, aber bald würden wir dran sein. Wir standen schon alle gespannt und bereit hinter der Bühne, um dem Finale der Show nochmal richtig ein zu heizen. In unseren Corsagen und in unseren wallenden Röcken, mit all den Kapriolen und der wilden Beinarbeit, würde das großartig werden. Eigentlich hätten wir uns nochmal Glück wünschen können.. Aber nichts. Die Anderen standen straff wie eine Eins dar, Keine schaute zur Seite – alle starr nach vorne, Kopf hoch, Schultern hach hinten, Brust raus.. Wo war ich hier gelandet? Wo war die gute Stimmung hin? Das Licht wurde weniger, ich hatte den Fuß schon fast an der Schwelle. Bald ging es los und mein Herz pochte so laut in der großen Stille. Bald würde die Musik mit einem Schlag einsetzen, würde den Meinigen übertönen. Dann musste ich raus, vor die Menge, die so gaffte und was erwartete. Ja, die was erwartete? Wie gerne hätte ich das Spiel schon damals begriffen:  Was würde mich erwarten, wenn ich da raus ginge. Wer wäre ich, wenn ich Räder schlüge und kleine französische Flaggenpassagen freilegte? Wo schaute ich hin? Und wen würde ich angrinsen? Würde ich einfach doof in die Menge rein grinsen, ins Blaue  Schwarze?

Die anderen Tänzer verließen die Bühne, ein Gemurmel ging durch die Reihen, endlich: Sie waren wieder da. Das Publikum applaudierte noch eifrig, ich schüttelte mich ein letztes Mal. Fuhr mir einmal durch die Haare, über den Bh und den Rock in der Kontrolle, das wichtigste am Leib zu tragen.

Kopf nach oben, Schultern zusammen, Rock seitlich in den Händen und strahlen!

Ausgerudert

So, wie es eben ist, muss man immer wieder feststellen, dass man noch lange nicht ausgelernt hat, gerade nicht in den Dingen, die man für „komplett begriffen“ in die Ablage gesteckt hatte.

Ausatmen.

So, wie es eben ist, muss man dann eben feststellen, dass man das gesamte Kapitel wieder aus der Ablage und aus dem Schredder rauskramen und zusammen fügen muss, ganz mühselig, um das Ergebnis erneut ins Auge zu fassen und durch den Kopf jagen zu lassen. Währenddessen füttert man das bunte Gedankenkarussell mit den erworbenen Informationen und versucht neu berechnete Ergebnisse aus der Summe des Ganzen als Resultat erneut unter die Lupe zu nehmen.

Einatmen.

Es ist das klassische Thema der Freundschaft, so alt wie der Einzelne selbst, über das man sein gesamtes Leben nachdenkt. Irgendwann fühlt man sich dann angekommen im eigen kreierten, bunten Freundeskreis, schaut sich um und weiß ganz genau: Das Thema kann nun ad acta gelegt werden, das Wissen ist fundiert und die Regeln erkannt, es kann nichts mehr überraschen.

Und ehe man es sich im Freundschaftsboot so richtig gemütlich gemacht hat, schon blind rudert und mit einer Zigarette in der Hand treiben lässt, strandet man auf einer Sandbank und steckt fest. Ungemütlich. Und man schaut sich erst einmal um. Und zieht nochmal an der Kippe. Und schaut sich nochmal um. Und irgendwie.. ist alles anders. Irgendwie hat man es geschafft, es sich vielleicht zu gemütlich zu machen und ist alleine auf einer Düne mitten im See der Freundschaft geentert und niemand da, der helfen könnte. Oje. Schöner Bockmist. Naja, das wäre dann genau der richtige Moment um sich das alte Kapitel der Freundschaft nochmal zusammen zu suchen und natürlich, um sich eine weitere Kippe anzuzünden. Und genau so ist es dann: Man teilt sich einsam und alleine mit einem Stapel Gedanken das Bötchen und geht fleißig jeden Einzelnen mit Geduld durch bis man den Fehler gefunden hat. Und so gemütlich sich das jetzt auch wieder anhören mag: Solange man nicht glücklich ist, kann Gemütlichkeit gar nicht mehr sein. Man sitzt also eher einsam und alleine und irgendwann auch verlassen in einem harten Boot, die Kippen sind auch schon leer und die Gedanken lassen sich kaum abarbeiten. Schöne Scheiße, und vom Fehler im System weit und breit keine Spur. Schöne komplizierte Scheiße. Und ehe man sich nochmal versieht, versieht man sich komplett und kommt zu dem Ergebnis dass alles einfach anders ist und das wars! Ohne Erklärung, ohne Warum, also sei es drum.

Buchspiel – (M)Ein Schlusswort

Uääääh, jetzt ist es vorbei und ich bin durch – mit meinem Buchspiel. Jetzt muss ich wieder anfangen richtig zu schreiben, nicht nur Fragen beantworten. Ach, das war schon eine schöne Auszeit. Eine Zeitlang nicht dieses Ewige „Hm, was schreib ich denn?“. Aber es hat mir auch gefehlt. Und einige dieser Fragen haben mich auch schon mal stark gelangweilt, oder gar genervt. Aber ich glaube ich konnte beweisen, dass ich.. lese!? Nee, keine Ahnung was das Buchspiel eigentlich gebracht haben soll. Aber es war eine seichte Ablenkung und ich konnte über Bücher schreiben, mal mehr, mal weniger sinnvoll. Meistens hat es auch Spaß gemacht, meistens.. Und um in diesem Sinne eine letzte Gegenfrage loszuwerden: Warum zur Hölle wurde dieses Spiel erfunden?

Wer weiß, vielleicht habe ich in wenigen Tagen schon ein Gegenspiel mit einem dazu passenden Fragenkatalog entworfen, das wir dann alle zusammen spielen können? Es wird dann heißen: Das SpielSpiel! Und so könnte es aussehen:

Tag 1: Warum hast du angefangen, das Buchspiel zu spielen? Tag 2: Worin lag deine Motivation, das Buch mit den wenigsten Seitenzahlen zu suchen und aufzuschlagen? Tag 3: Welche Intention hast du befolgt, als du 5 Sätze aus irgendeinem Buch abgeschrieben und veröffentlicht hast? Tag 4: Was glaubst du, wer will das lesen? Tag 5: Glaubst du eine Legitimation zu besitzen, weiterhin einen Blog zu führen? Tag 6: Hast du überhaupt eine Ahnung von dem, was du gerade tust? Tag 7: Schon mal was davon gehört, dass man am siebten Tage ruhen soll??

Nein.. keine Spiele mehr für mich. Da bin ich raus!

Tag 31 – Ein Buch, das jeder lesen sollte

Dazu mag ich mir keine Meinung anmaßen. Klar, es gibt das EINE Buch, die Bibel. Davon sollte jeder Mal gehört haben, aber ich habe es auch noch nicht gelesen, ist aber in Planung, für irgendwann mal, wenn ich viel Zeit habe. Ansonsten verhält es sich mit Büchern doch wie mit allem anderen auf der Welt: Jeder hat seinen eigenen Geschmack und jeder wird von anderen Dingen magisch angezogen. Doch jeder sollte schon mal EIN Buch in seinem Leben gelesen haben, löblich wenn es das Kinderbuch überschreitet, muss aber nicht. Lesen ist eine Investition, eine Zeitinvestition u.a., aber auch eine in das geistige Eigengut und überhaupt: lesen bildet.

Also an die Bücher, fertig, los!

Tag 30 – Nimm ein Buch, das mindestens 300 Seiten hat, schlag Seite 255 auf und schreib die ersten fünf Sätze auf

„Paris? Yoga? Costa Rica? Fatima bekam es mit der Angst zu tun. War es möglich, dass ihr Lieblingsenkel, selbst wenn er Tiffany heiratete, sich für den Libanon genauso wenig interessierte wie für die Tigers und die Lions?  Scheherazade reichte ihr das Tablett mit den Pillen.“

Aus: “Feigen in Detroit“ von Alia Yunis, deutsche Erscheinung: September 2010

Tag 28 – Das Buch das du zurzeit liest

Existiert noch nicht. Ja, das dürfte so eigentlich jetzt nicht passieren, denn seit Tagen schon schreibe ich nur über Bücher, und eigentlich schon seitdem ich denken kann. Diese Situation tritt an und an aber auf und so kommt es gerade, dass ich kein Buch lese. Es passiert eben oft, dass ich lese. Nein, eigentlich ist das auch andauernd der Fall.. Also der Punkt ist der: Ich lese im Moment viel, nur eben keine Bücher. – Puh, das war jetzt schwer. Ihr seid aber auch eine unerbittliche Leserschaft.. Das fiel mir wirklich schwer, hier vor allen zu offenbaren, dass ich gerade kein Buch lese, dennoch fleißig über Bücher rede und schreibe.. Aber was wäre, wenn ich mir jetzt ein Buch aussuchen sollte, was ich lesen würde, wenn ich denn die Zeit hätte, um ein Buch zu lesen? Ja, dann wäre die Situation natürlich eine andere.. Aber so ist es eben leider nicht, und so bleibt mir nichts anderes übrig, als darüber zu schreiben, dass ich kein Buch lese. Ja, das ist hart. Aber wenn die Frage lauten würde, welches Buch ich zurzeit nicht lese, dann wäre die Situation auch hier wieder eine andere. Aber so ist es eben nicht. Und das schlaucht. Ich habe nichts zu schreiben, ihr nichts zu lesen. Jetzt wissen wir alle schon mal wie es ist, wenn jemand kein Buch liest..